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		<title>Das sind doch Nazis, oder?</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Feb 2010 15:59:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sie  hetzen gegen den „Multikulti-Terror“, vergleichen den Koran mit „Mein  Kampf“ und fordern, islamische Länder mit Atomwaffen zu bombardieren.  Einige linksextreme Gruppen sehen im Islam die größte Bedrohung der Welt  und ziehen in ihren Forderungen weit rechts an den Rechtsextremen  vorbei.

„Fast  wäre es die perfekte Demonstration geworden“, erzählt Matthias. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie  hetzen gegen den „Multikulti-Terror“, vergleichen den Koran mit „Mein  Kampf“ und fordern, islamische Länder mit Atomwaffen zu bombardieren.  Einige linksextreme Gruppen sehen im Islam die größte Bedrohung der Welt  und ziehen in ihren Forderungen weit rechts an den Rechtsextremen  vorbei.<span id="more-449"></span></p>
<p style="text-align: justify"><img class="alignnone" title="Antideutschen Karikatur" src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/AntiD.jpg" alt="" width="446" height="209" /></p>
<p style="text-align: justify">„Fast  wäre es die perfekte Demonstration geworden“, erzählt Matthias. „Wie aus  dem nichts“, freut er sich, „wurden es 40.000 Menschen“, die am 20.  September des vergangenen Jahres in Köln gegen Islamfeindlichkeit und  gegen den „Anti-Islamisierungskongress“ der rechtsradikalen Kölner  Bügerbewegung „pro Köln“ demonstrierten. Vom Altkommunisten bis zum  einfachen Kölner Bürger – jeder schien dabei gewesen zu sein.  Letztendlich gelang es sogar, „pro Köln“ an ihren Veranstaltungen und  ihrer Hetze gegen Muslime zu hindern.<br />
Matthias ist Anfang 20, bezeichnet sich selbst als Antifaschist und bat  darum, seinen Namen zu ändern. Einen Haken hatte die Demonstration  damals, wie er erzählt:  Ein paar Hundert schwarzvermummte Jugendliche  passten nicht so ganz in das  Bild dieses Protestzugs. Während sie sich  am Kölner Hauptbahnhof an die Spitze der Demonstrationen setzten, etwas  von „Nie wieder Deutschland!“ schrien und Israel- und USA-Fahnen über  ihnen wehten, prangte neben einer grimmigen Comicfigur in übergroßen  Lettern „Gegen Islamismus“ vom übergroßen Transparent. Ging es hier  nicht darum, Solidarität mit den Kölner Muslimen zu zeigen? Gab man  nicht der Gegenseite Zuspruch, wenn man gerade heute vor angeblichen  oder realen islamischen Bedrohungen warnte?</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Linke,  die den Rassismus für sich entdeckt haben</strong><br />
„Diese Leute haben nichts mit uns gemein“, beteuert Matthias immer  wieder in einem kleinen Café am Rande des Weimarer Schlossparks  Belvedere. Mit „diesen Leuten“ meint er eine Bewegung, die sicherlich zu  den widersprüchlichsten und deren gefährliche Ideologie zu den  unterschätztesten gehört. Sie verstehen sich selbst als Linke, die sich  von der Linken emanzipiert zu haben meinen. Muslime bezeichnen sie als  „grüne Nazis“, sie selbst nennen sich „Antideutsche“. Doch tatsächlich  scheinen ihre Argumenta­tionsmuster sehr dem zu entsprechen, was man in  negativer Weise gemeinhin mit dem Begriff „deutsch“ assoziiert. Es sind  Linke, die den Rassismus für sich entdeckt haben, und dieser richtet  sich zunehmend gegen Muslime.<br />
Vor Matthias liegen ein paar Ausgaben der antideutschen Szenezeitschrift  Bahamas. Das sei die schlimmste, sagt er. Die Bahamas ist so etwas wie  das Leit­organ der Bewegung. In ihr bildete sich Anfang der 1990er-Jahre  deren Ideologie heraus und radikalisierte sich stetig weiter. Eine  „verrohte und verrohende Religion“ sei der Islam, oder „Wer PDS wählt,  wählt den Islamfaschismus“ prangt von ihren Seiten. Die Artikel sind  größtenteils im Ton politischer Kampfschriften geschrieben, die dort  vertretenen Argumentationen sind so löchrig wie polemisch.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der  antisemitische Deutsche wird zum barbarischen Muslim</strong><br />
Die Abtrennung der Antideutschen von der übrigen Linken war ein wenig  beachtetes Phänomen in der aufgeregten Wendezeit. Während in Leipzig  zehntausende Menschen für das nahende Ende der DDR und die deutsche  Wiedervereinigung demonstrierten, fanden sich in Frankfurt/Main 20.000  Anhänger kommunistischer Gruppen und der Grünen zusammen, um auf die  Gefahren der Wiedervereinigung aufmerksam zu machen. Den Deutschen, so  die Demonstranten schon damals, sei der Antisemitismus kulturell quasi  unauslöschbar eingeschrieben, und jeder deutsche Staat führe so  unweigerlich in den Faschismus.<br />
„Was ist denn davon geblieben?“, fragt mich Matthias, nervös am Revers  seiner  Jacke herumspielend, als ich ihm entgegne, dass man ihnen doch  wenigsten zugutehalten müsste, auf Ängste aufmerksam gemacht zu haben,  die in der Euphorie der Wendejahre ungehört blieben – Ängste, die in den  kommenden Jahren zwischen Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda  scheinbar ihre Bestätigungen fanden. Doch tatsächlich scheinen  Antideutsche heute zu genau dem geworden zu sein, was sie einst zu  bekämpfen vorgaben. Der Islam ersetzte in den Folgejahren die deutsche  Kultur als Prototypen unzivilisierter Barbarei. Aus dem per se  antisemitischen Deutschen wurde der menschenverach­tende Moslem.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gegen  die „Multikulti-Hölle“ Berlin-Kreuzberg</strong><br />
Heute sucht man vergeblich nach Antideutschen auf regenbogenfarbenen  Friedensdemos. Antideutsche wähnen sich als Speerspitze in einem  Kulturkampf zwischen aufgeklärter Demokratie und der islamischen  Barbarei. Ihre Slogans lauten z.B. „Panzer in Ramallah – das ist wahre  Antifa“, oder sie fordern die Bombardierung Bagdads mit Atomwaffen. Die  Kriege im Irak und Afghanistan werden so zu „tätigem Antifaschismus“,  wie die Bahamas schreibt,  und George W. Bush zum „Man of Peace“.  „Kapitalismus viel gut, Islam viel schlecht“, so brachte der Autor Georg  Wißmeier die Komplexität der antideutschen Grundüberzeugung auf den  Punkt.<br />
„Eigentlich verurteilen sie alles, wofür linkes antifaschistisches  Engagement einst stand“, erzählt Matthias leicht wehmütig.  Antikapitalismus verurteilen sie als versteckten Antisemitismus.  Antiimperialismus solidarisiere sich mit der islamischen Barbarei.  Multikulturelles Zusammenleben lehnen Antideutsche deshalb ab, weil es  Freiräume für Islamisten und Extremisten schaffe. Zur Abwehr dieses  „Multikulti-Faschismus‘“, so berichtet der Verfassungsschutz  Nordrhein-Westfalens, schrecken Antideutsche auch nicht vor „erheblicher  Gewalt“ zurück.  So attackieren vermummte Anhänger schon mal den  Kreuzberger „Karneval der Kulturen“ und liefern sich Straßenschlachten  und Messerstechereien mit anderen linken Jugendlichen. Ihr Vorwurf: Der  Berliner Stadtteil sei zur „Multikulti-Hölle“ verkommen, Kreuzberg sei  besetzt „von Islamofaschisten und arabischen Streetgangs“, die den  „multikulturellen Terror“ schürten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die  Wiederentdeckung des Volksbegriffs</strong><br />
„Eigentlich sind sie nichts als Rassisten!“, platzt es nach knapp zwei  Stunden Gespräch deutlich genervt aus Matthias heraus. Galt doch gerade  die Verwendung des Volksbegriffs in der Linken als Inbegriff eines  rassistischen Weltbild, so wird er in der Antideutschen auf einem Niveau  wiederbelebt, das sich vor dem Rassismus rechtsradikaler Gruppierungen  nicht mehr verstecken müsse. Die Welt, da sind sich Antideutsche sicher,  bestehe aus den „Deutschen“, den „Muslimen“ und den „Juden“. Und selbst  die so lobenswerte wie stete Warnung vor dem Antisemitismus gerate zur  Farce, so der israelische Soziologe Mosche Zuckermann, sie sei nicht  mehr als Heuchelei. „Israel“, so schreibt Zuckermann in seinem Aufsatz  „Was heißt: Solidarität mit Israel?“, werde von den Antideutschen als  pure Projektionsfläche für eigene Befindlichkeiten missbraucht. Ihre  „bedingungslose Solidarität“ verwandle die „reale Tragödie in eine  Narrenposse.“<br />
Der Erfolg der Antideutschen erklärt sich v.a. durch ihr scheinbares  Verschwinden. Denn viele ihrer Programmatiken gehören heute zum linken  Konsens. Es gibt kaum eine Anti-Nazi-Demo, auf der man nicht die Israel-  oder USA-Fahne wehen sieht, obwohl die Ablehnung jedes Nationalismus‘  doch einst eine urlinke Forderung war. Das Thema Antiimperialismus, so  erzählt Matthias, habe heute selbst in Diskussionsrunden in besetzten  Häusern schnell etwas Anrüchiges. Waren es anfangs noch unbekannte  Szenezeitschriften einer kleinen Subkultur, die wie die Bahamas oder die  Leipziger Phase 2 antideutsche Schriften verbreiteten, so drangen  antideutsche Themen später auch in die linke Mainstreampresse wie die  „konkret“ oder die „Jungle World“ ein.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Islamfeindlichkeit  wird ein Teil des Veranstaltungskalenders</strong><br />
Veranstaltungen, die vor  der „islamischen Bedrohung“ warnen, sind heute  selbstverständlicher Bestandteil jedes Antifa-Programmkalenders, die  Podien werden überwiegend mit Antideutschen besetzt. So lud z.B. die  Jenaer Antifa im Juni 2009 den antideutschen Autor Stephan Grigat zu  einer Veranstaltung über „islamischen Antisemitismus“ ein. Der Islam, so  meint Grigat, strebe nach der „Weltbeherrschung“, die die ganze Welt  „zur Hölle machen werde.“<br />
Grigat gehört übrigens zu den meistzitierten Autoren auf der  rechtsextremen und islamfeindlichen Internetseite „Politically  Incorrect“, die auch den Kölner „Anti-Islamisierungskongress“ der  Bürgerbewegung „pro Köln“ mitorganisierte.  Als der Demonstationszug  damals in Richtung der Domplatte marschierte, erzählt Matthias, trat  neben ihm ein älteres Paar aus dem Bahnhofsgebäude heraus. Nach ein paar  Sekunden skeptischer Blicke murmelte die Frau zu ihrem Mann: „Das sind  doch Nazis, oder?“ Es gibt sicherlich nicht viele Gründe, der Frau nicht  mit einem „Ja“ zu antworten.</p>
<p style="text-align: justify"><em>geschrieben für UNIQUE</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Bild: Katja Weber<br />
</em></p>
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		<title>Deutschlands liebster Rassismus</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Feb 2010 15:33:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Islamophobie]]></category>
		<category><![CDATA[Marwa El-Sherbini]]></category>
		<category><![CDATA[Persönliches]]></category>
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		<description><![CDATA[Hierzulande leben vier Millionen Muslime. Die meisten von ihnen sind  integriert, nicht gewalttätig und sehen in Deutschland ihre Heimat. Doch  zwischen Terrorwarnungen, Kopftuchkontroversen und Überfremdungsängsten  gelten sie vielen nur als Problemfall. Eine Bestandsaufnahme  islamophober Einstellungen in Deutschland.

Unscheinbar versteckt sich der kleine Aushang im Blättermeer des  Schwarzen Bretts im Uni-Foyer: „Zimmer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Hierzulande leben vier Millionen Muslime. Die meisten von ihnen sind  integriert, nicht gewalttätig und sehen in Deutschland ihre Heimat. Doch  zwischen Terrorwarnungen, Kopftuchkontroversen und Überfremdungsängsten  gelten sie vielen nur als Problemfall. Eine Bestandsaufnahme  islamophober Einstellungen in Deutschland.<span id="more-444"></span></em></p>
<p><img class="alignnone" title="Islamophobie Collage " src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/islam-collage.jpg" alt="" width="451" height="321" /></p>
<p>Unscheinbar versteckt sich der kleine Aushang im Blättermeer des  Schwarzen Bretts im Uni-Foyer: „Zimmer zu vermieten“ steht da in den  gewohnt großen Lettern. Ungewohnt dagegen ist dieses Angebot in einer  von Studenten überfüllten Stadt. Dass das Zimmer seit Monaten keinen  neuen Mieter findet, hat vor allem einen Grund: die Religion seines  Vermieters. Luay (35) kam vor über zehn Jahren als Student aus Palästina  nach Deutschland – und er ist Muslim. Das Problem, womit Luay hier  häufig zu kämpfen hat, nennt sich Islamophobie. Kritiker bezeichnen den  Ausdruck als Instrument und Kampfbegriff, der die legitime Kritik am  Islam diffamieren soll. Wer Luay länger zuhört, dem wird aber schnell  klar, dass Islamophobie weit mehr als nur ein Kampfbegriff angeblich  paranoider Multikulti-Schwärmer und viel mehr als die bloße Angst vor  der Religion des Islam ist. Es ist Rassismus gegenüber Muslimen, der  mehr und mehr zum Grundkonsens der deutschen Gesellschaft wird.</p>
<p><strong>Muslime gelten als Problemfall – und nichts sonst</strong><br />
Von der Kirche über die politische Linke bis hin zur NPD: In ihren  Vorbehalten gegenüber Muslimen ist sich ein Großteil der Gesellschaft  mittlerweile einig. Ob es der deutsche Papst Joseph Ratzinger (der  Prophet Mohammad habe nur Schlechtes gebracht), die Frauenrechtlerin  Alice Schwarzer (Muslime seien die „Faschisten des 21. Jahrhunderts“)  oder die stoischen Integrationsforderungen an Muslime aus allen  politischen Lagern sind: Muslim in Deutschland, das bedeutet nicht  selten, nicht nur Anhänger einer Religion unter vielen zu sein, sondern  ein Problemfall.<br />
Mehr als zwei Drittel der Deutschen, so eine Allensbach-Umfrage, halten  ein friedliches  Zusammenleben mit der islamischen Welt mittlerweile für  unmöglich. Mehr als jeder Zweite erwartet in Zukunft stärkere  Spannungen mit der muslimischen Bevölkerung in Deutschland. Und immerhin  40 Prozent der Deutschen befürworten eine Einschränkung der  Religionsfreiheit für Muslime. Das Problem ist nur: Wer von den  Befragten stand je in engerem Kontakt zu Muslimen, hat muslimische  Freunde oder war je im islamischen Ausland? Was weiß man eigentlich  überhaupt über Muslime?</p>
<p>In einem Land wie Thüringen mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil  von 0,17 Prozent bleibt oft genug nur das im Gedächtnis haften, was man  in den Nachrichten gehört oder gelesen hat. Und die­se überbieten sich  im täglichen Schlagzeilenwettkampf gegenseitig. Durchsucht man die  Archive von FAZ bis Süddeutsche, von TAZ bis Spiegel nach dem Stichwort  „Islam“, so stößt man fast immer auf „Ehrenmord“, „Zwangsheirat“,  „kriminelle Jugendliche“ und „Terror“. Die Cover und Aufmacher von  Nachrichtenzeitschriften und -sendungen schaffen regelmäßig ein Klima,  in welchem Muslime als immer größer werdende Bedrohung stigmatisiert  werden – ein Zustand, der in Wahrheit aber eine immer größer werdende  Bedrohung für die Muslime selbst darstellt.</p>
<p><strong>„Plötzlich tauchte mein Name beim BKA auf.“</strong><br />
„Die Bombenlegerscherze sind einfach nervig“, sagt Luay, und seine  Stimme unterstreicht wie ernst er dies meint. Klar habe er am Anfang  auch noch gelacht, aber irgendwann sei es einfach nicht mehr lustig  gewesen. Die Anekdoten, von denen Luay berichtet, sind endlos. Von  Behörden, die ihn erst einmal als potenziellen Terroristen abstempelten  über erniedrigende Befragungen bis hin zu den kleinen und alltäglichen  rassistischen Späßchen.</p>
<p>Islamfeindlicher Rassismus in Deutschland spiegelt sich nicht nur in  Gewalttaten wider, nicht nur in dem Mord an der Ägypterin Marwa  al-Sherbini, die in einem Dresdner Gerichtssaal mit 18 Messerstichen  umgebracht wurde. Das Problem manifestiert sich nicht nur in  Brandanschlägen auf Moscheen (wie dieses Jahr in Stadtallendorf und  Hilden) und anti-islamischen Slogans, die in immer mehr Städten die  Häuserfassaden zieren. Es zeigt sich auch in systemischen  Ungleichbehandlungen, die sichtbar werden, wenn etwa in sieben deutschen  Bundesländern mit Verweis auf die staatliche Neutralität in  Glaubensfragen Kopftücher verboten werden – Kruzifixe, Nonnenhabite und  Rosenkränze aber erlaubt bleiben. Es zeigt sich in permanenten  Verdächtigungen oder im regelmäßigen Aufschreien von  linken und rechten  Bürgervereinigungen, wenn Muslime wie jede andere Religionsgemeinschaft  das Recht einfordern, Gebetshäuser bauen zu dürfen. Es zeigt sich viel  zu oft in der Grundstimmung in Deutschland.</p>
<p>Unter welchem Generalverdacht Muslime in Deutschland mittlerweile  stehen, zeigt ein Anruf, den Luay kurz nach den Anschlägen 2001 erhielt:  „Das Akademische Auslandsamt  rief bei mir an.“ Luays Name sei in der  BKA-Rasterfahndung aufgetaucht, erklärte die Behördenleiterin. Luay  hatte die fünf Bedingungen des BKA erfüllt, welche so nichtssagend wie  willkürlich waren: Beziehungen zum Nahen Osten, ein technischer  Studiengang, finanzielle Unabhängigkeit, gutes Beherrschen der deutschen  Sprache, viele Auslandsreisen.</p>
<p><strong>Das Internet als Speerspitze der islamophoben Hetze </strong><br />
Vor allem im Internet hat die Hetze gegen Muslime in den letzten Jahren  menschenverachtende Ausmaße angenommen.  Blogs mit Namen wie  jihad-watch, Akte Islam, die grüne Pest, die Achse der Guten oder  politcally incorrect (PI) veröffentlichen Namen, Adressen und Bilder  muslimischer Straftäter, egal ob es sich um einen 14-jährigen Ladendieb  oder einen international gesuchten Terroristen handelt. Sie publizieren  stolz Bildergalerien von Kopftuch tragenden Frauen, daneben Ort und  Zeitpunkt der Aufnahme, und sammeln bzw. kommentieren alles, was aus  ihrer Sicht irgendwie auf die islamische Bedrohung hinweist. Aber hinter  Blogs wie PI stecken keine Mitglieder wie der im Untergrund agierende  Nazi-Kader. Dort finden sich Leute wie der Spiegel-Autor Henryk M.  Broder, die Kreuzberger CDU-Politikerin Vera Lengsfeld oder der  ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte (Interview Seite 10).<br />
Das stolz verkündete Ziel von Webseiten wie PI, die mit 40.000 Lesern zu  den größten deutschen Blogs gehört, ist es, die angebliche  Islamisierung Europas zu verhindern – Forderungen, die noch vor ein paar  Jahren nur bei der rechtsextremen NPD zu finden waren. Die  alarmierenden Slogans, die pi-news jeden Tag über die Webgemeinde  loslässt, sind so menschenverachtend wie austauschbar: „Oktoberfest im  Zeichen des Islam-Terrors“, „Kulturbereicherer überfallen Technoparade“,  „Mehr Zuwanderer im Bundestag“, „Südländer treten halbseitig Gelähmten  tot“.</p>
<p>Die Artikel sollen suggerieren: Der Islam und seine Anhänger sind  rückständig, unzivilisert, gewalttätig und planen insgeheim die  Machtübernahme der Welt. Das sind typische, entmenschlichte Zuordnungen,  aus denen sich Rassismen von jeher nährten. Auf Blogs wie PI wird  längst nicht mehr über den Islam diskutiert, es wird stereotypisiert,  verurteilt und gehetzt. Der Islam wird zur „totalitären Ideologie“  erklärt, dessen Eroberungszeichen sich überall dort zeigen, wo man sie  finden will: in den Moscheebauten in Duisburg und Köln oder dem  türkischen Einkaufsratgeber der hessischen Verbraucherzentrale. Banale  Phänomene wie das Angebot schweinefleischloser Pizzen bei Aldi werden  zum Beispiel der angeblich zunehmend um sich greifenden Unterwerfung.</p>
<p><strong>„Sind Sie Terrorist?“</strong></p>
<p>Auch Luay weiß, wie es ist, plötzlich an den Pranger gestellt zu  werden, kein gleichberechtigter Mensch mehr, sondern eine potentielle  Gefahr zu sein. Im Frühjahr 2009 lief seine Aufenthaltsgenehmigung aus.  Vor der Verlängerung, so ließ man ihn wissen, müsse er sich einer  Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Immer wieder wurde diese und damit  die Verlängerung seines Aufenthaltsstatus verschoben – insgesamt sechs  Monate lang. Letztendlich fand sich Luay an einem Tisch mit einem  Beamten des Innenministeriums wieder: „Sind sie Mitglied einer  terroristischen Vereinigung? Haben Sie ein Ausbildungs- oder  Trainingslager besucht? Sind sie nach Pakistan oder Afghanistan  gereist?“. „Es ist einfach absurd“, sagt Luay. Erst wenn man Menschen  wie ihm gegenüber sitzt, er vom „Psychokrieg“, der „permanenten Angst“  vor Abschiebung und monatelangen Schlafstörungen redet, bekommt man  einen kleinen Eindruck davon, was es in Deutschland bedeutet, Muslim zu  sein.<br />
<strong><br />
Der Islam wird zum Instrument erweiterter Außenpolitik</strong><br />
Warum ist es gerade der Islam, der uns solche Angst bereitet, der solch  starke Vorurteile in uns weckt? Eine Erklärung mag sein, dass ein  einfaches Freund-Feind-Schema besonders denen, die angesichts der  Komplexität der Welt überfordert sind, hilft, wieder Orientierung zu  finden. Es gibt aber auch eine eine historische Begründung, nach der  bereits das gesamte europäische Mittelalter nicht ohne die Abgrenzung  zum Islam funktioniert zu haben scheint. Kreuzzüge, Reconquista, die  osmanische Belagerung Wiens: Immer wieder war es der Kampf gegen die  „islamische Bedrohung“, welcher die zerstrittenen europäischen Völker  zusammenrücken ließ. Der unüberbrückbare Unterschied zwischen Orient und  Okzident, zwischen „islamischer Barbarei“ und „westlicher Zivilisation“  war demnach ein maßgebliches, konstituierendes Moment der europäischen  Identität.</p>
<p>Angesichts der vermeintlichen Gewaltbereitschaft, die vom Islam  ausgehe, wird der Westen zum Hort des Friedens, das Christentum zum  Bewahrer des Humanismus, die USA zur Friedensmacht stilisiert:  Sklaverei, Kolonialismus, Weltkriege und Imperialismus werden  bedeutungslos angesichts der realen oder vermeintlichen Gefahren des  Islam. Die islamische Welt wird homogenisiert, als ob Mohammeds Kalifat  noch immer bestehen würde. Samuel Huntington, das Idol jedes  neuzeitlichen Kulturkämpfers, beschreibt in seinem Buch „Who we are“ den  Islam als idealen Feind, über den Amerika zu sich selbst und zur  nationalen Einheit finden könne. Der Islam wird reduziert zu einem  weiteren Instrument der Außenpolitik.</p>
<p><strong>Jeden Tag wird der Islam neu erfunden </strong><br />
Bis heute lässt sich so der „Fremdgruppe“, dem Islam, nahezu alles  zuschreiben, was der westlichen Kultur widerspricht:fehlender  Individualismus, ausbleibende Gleichberechtigung, anachronistische  Unzivilisiertheit. Diese auf der angeblichen Rückständigkeit beruhende  Ablehnung des Islams erleichtert uns die Befürwortung der modernen  westlichen Welt mit all ihren Vor- und Nachteilen. Wie bei jedem anderen  Rassismus bedarf es keiner homogenen muslimischen Gruppe, geschweige  denn einer muslimischen Rasse, um ihre Angehörigen pauschal hassen zu  können. In Internetblogs, Terrorwarnungen und Zeitungskommentaren wird  der Islam so jeden Tag neu erfunden.</p>
<p>Auch Luay ist Teil dieser erfundenen muslimischen Welt. Es falle ihm  oft schwer, in Deutschland Kontakte zu Deutschen zu knüpfen, erzählt er  gegen Ende unseres Gesprächs. Zufällige, z.B. in Seminargruppen  geschlossene Bekanntschaften beantworten ihm zwar Fragen, wirkliches  Interesse an seiner Person, geäußert etwa durch Gegenfragen, bleibe aber  aus. Ausgrenzung sei für ihn Normalität, erst recht, wenn er erzähle,  dass er aus einem islamischen Land kommt. Für sein Zimmer fand er  dennoch irgendwann einen Abnehmer, einen Jura-Studenten. Als dieser  später wieder auszog, fragte Luay ihn: „Sag’ mal, hast du gar keine  Angst vor mir gehabt?“ – „Doch“, antwortete der Mieter, „am Anfang  schon. Es war ein seltsames Gefühl hier einzuziehen – bis ich euch  schließlich kennengelernt habe.“</p>
<p><em>geschrieben für UNIQUE</em></p>
<p><em>Bild: Frank Kaltofen</em></p>
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		<title>Vielen Dank!</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 21:08:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Gedicht]]></category>
		<category><![CDATA[Loblied]]></category>
		<category><![CDATA[Luft]]></category>

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		<description><![CDATA[Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft!
wollen heut ein Loblied auf dich singen
auch mal deinem Wohle gedenken
hoffen es wird uns gut gelingen
dich mit Preisung zu beschenken
begleitest uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft! Luft!<span id="more-439"></span></p>
<p>wollen heut ein Loblied auf dich singen<br />
auch mal deinem Wohle gedenken<br />
hoffen es wird uns gut gelingen<br />
dich mit Preisung zu beschenken</p>
<p>begleitest uns ein ganzes Leben<br />
bist niemals mürrisch, kein Verdruss<br />
keinen bess’ren Freund kann es geben<br />
für dich den allerdicksten Kuss</p>
<p>erfüllst den Äther mit frischem Sein<br />
gibst uns Halt und auch Sinn<br />
bist das edelste, unglaublich rein<br />
dir verdanke ich dass ich bin</p>
<p>hilfst uns wenn es an Atem mangelt<br />
bist für uns da, selbst in der Nacht<br />
keiner der sich um dich rangelt<br />
kommst zu jedem, sanft und sacht</p>
<p>bist die einzigste die wir haben<br />
verdienst du unseren höchsten Schutz<br />
doch ohne Fragen ohne Klagen<br />
erträgst trotzdem unseren Schmutz</p>
<p>wer dir dankt, kommt nie zur Ruh<br />
bist die Beste, bist kein Schuft<br />
wären doch nur alle so wie du<br />
wir danken dir, unserer Luft!</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Gera &#8211; harmonisch, apathisch, braun</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 13:42:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstration]]></category>
		<category><![CDATA[Gera]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsrock]]></category>
		<category><![CDATA[Rock für Deutschland]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 11.Juli demonstrierten in Gera 700 Menschen gegen die NPD-Rechtsrockveranstaltung „Rock für Deutschland.“ Doch statt von demokratischem Engagement zeugte die Veranstaltung vor allem vom harmonischen Selbstbetrug einer Bevölkerung für die Antifaschismus nicht mehr als austauschbares Ritual ist.
Wie jedes Jahr veranstaltet die NPD ihr Mischung aus Wahlkampfveranstaltung und Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“ in der Stadt an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 11.Juli demonstrierten in Gera 700 Menschen gegen die NPD-Rechtsrockveranstaltung „Rock für Deutschland.“ Doch statt von demokratischem Engagement zeugte die Veranstaltung vor allem vom harmonischen Selbstbetrug einer Bevölkerung für die Antifaschismus nicht mehr als austauschbares Ritual ist.</p>
<p>Wie jedes Jahr veranstaltet die NPD ihr Mischung aus Wahlkampfveranstaltung und Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“ in der Stadt an der weißen Elster: Udo Voigt und Frank Schwerdt hetzen wie immer von Überfremdung, Kapitalismus und Arbeitlosigkeit, während an den zu knapp bemessenen Getränkeständen Coca Cola und Sprite augeschenkt wird. Martialisch klingende Bands wie „Blitzkrieg“ und „Frontalkraft“ tönen aus den schwächelnden Boxen, während die Massen entweder auf die lebende Rechtsrock-Legende und ehemaligen Landser-Sänger Michael Regner alias „Lunikoff“, oder immer noch auf Einlass an den verstopften Eingängen wartet. 4000 Nazis, so wird der Polizeibericht später bekannt geben, trafen sich an diesem Tag auf der Geraer Spielwiese. Nach Angaben der NPD sollen es sogar 5700 gewesen sein, die den 15 Euro hohen Eintritt bezahlten. Damit war es die größte Nazi-Veranstaltung der thüringischen Nachkriegsgeschichte.</p>
<p>Wenige hundert Meter entfernt haben sich die Gegendemonstranten zusammengefunden, die wie Bürgermeister Norbert Hein in die zahlreichen Kameras spricht vor allem eines machen wollen:„Flagge zeigen gegen Rechts.“ Nicht viele sind es, die an diesem Tag dem Banner mit dem Slogan „Gera – bunt, tolerant und weltoffen“ hinterherlaufen. 700 Menschen gerade einmal – und das auch dies die größte Anti-Nazi-Demo der vergangenen Jahre ist, spricht eher gegen als für die Stadt.</p>
<p><img class="alignnone" src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/geragross.jpg" alt="" width="455" height="302" /></p>
<p>Die verschwindend geringe Minderheit der Geraer Bürger, die die Nazi-Veranstaltung überhaupt wahrnimmt, scheint sich damit abgefunden zu haben, wissend, dass gegen Abend wieder die gute alte Geraer Ruhe zwischen Arbeitlosigkeit, Überalterung und Abwanderung einzieht. Dass hier irgendetwas passiert, erzählt ein Anwohner, habe er eigentlich nur durch die vielen Polizisten die überall herumlaufen gemerkt. Die ostthüringer Stadt, die Stolz Otto Dix’ im Namen trägt und sich einst zumindest des ersten Hertie-Kaufhauses und des Uranabbaus rühmte, steht heute austauschbar in einer Reihe von einstigen Ost-Metropolen, in denen dem wirtschaftlichen, der kulturelle, politische und moralische Niedergang folgte.</p>
<p>Doch selbst für jene Geraer und Angereisten, die auf die Straße gehen, scheint der Kampf gegen Rechts nicht viel mehr als wochenendliches Ausflugsprogramm oder erzwungene Verpflichtung gegenüber dem eigenen politischen Renommee zu sein. Zu ritualisiert und austauschbar wirken die Aneinanderreihungen von Friedensgebet, Demonstrationszug, floskelhaften Standardreden, Trommelcombo und empörten Rangeleien mit der Polizei, als dass sie irgendeine Wirkung entfalten könnten.</p>
<p>Während sich schon gegen 12 Uhr rund 2000 Nazis auf dem Konzertgelände tummeln werden „Bunt“, „Vielfalt“ und „Gesicht zeigen“ zu den deplazierten Schlagworten des Tages. Umso sinnentleerter werden sie, desto öfter sie eigens abkommandierte Verwaltungsbeamte auf eilig gedruckten Bannern vor sich her tragen. Vom „deutlichen Zeichen“ floskeln Gewerkschaftsvertreter, Bürgermeister und Kommunalabgeordnete in jedes parat stehende Mikrofon, fordern eine schnelles NPD-Verbot (DGB) oder erklären selbiges wie so oft für sinnlos (CDU).</p>
<p>Die kommunale Grünen-Spitzenkandidatin ruft den „breiten Protest“ aus, der zeigen soll „dass Nazis in Thüringen bei dieser Landtagswahl keine Chance haben.“ Die Bezugnahme zu Thüringen sollte da wohl nur kaschieren, dass sie in Gera keine Chance mehr brauchen, denn dort sitzen längst Abgeordnete der NPD im Stadtrat. Kein Wort davon, dass die NPD seit nunmehr sieben Jahren mit ihrem „Rock für Deutschland“ weitgehend unbehelligt ihre politisch-subkulturelle Vormachtstellung in der Stadt ausbaut. Kein Wort von den beschämenden Gegenveranstaltungen in den vergangenen Jahren, in denen die Teilnehmerzahl zwischen 40 und 200 schwankte. Stattdessen verkrampfte Selbstbeweihräucherungen und verlogenes gegenseitiges Schulterklopfen.</p>
<p>Ein Vertreter des „Aktionsnetzwerkes gegen Rechts“ aus der 40 Kilometer entfernten Nachbarstadt Jena lobt, dass eigens 50 Jenaer angereist seien um die Geraer zu unterstützen. Auf der Spielwiese feiern derweil „Gastnazis“ aus den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Italien und Belgien. Ein paar russische „Kameraden“ hätten extra eine zwei Tage dauernde Bustour unternommen, freut man sich. Und selbst die obligatorische Sitzblockade verkommt an diesem Tag zum unmotivierten und damit unnötigen Standardrepertoire. Auf einer der Zugangsbrücken zur Nazi-Veranstaltung lassen sich kurzzeitig 200 Menschen nieder, nur um wenig später ohne Zutun der Polizei und ohne auch nur einem Nazi den Zugang zum Gelände verwehrt zu haben, wieder aufzustehen.</p>
<p>Während „Lunikoff“ noch vom „weißen Fleck im Multikulti-Rumgewühle“ grölt löst sich die stark dezimierte Gegendemo eine Stunde vor dem Ende der Nazi-Veranstaltung wieder auf. Die Veranstalter der Proteste preisen die erfolgreiche Demonstration, die mal wieder bewiesen habe, dass Gera bunt, tolerant und weltoffen sei. Die Polizei lobt den „weitgehend friedlichen Verlauf“ der Demo und selbst Vertreter der Antifa rühmen sich, erfolgreich Formen zivilen Ungehorsams in Gera etabliert zu haben. Die Lokalpresse wird sich am nächsten Tag mit Slogans wie „Bunter Protest gegen braune Veranstaltung &#8211; Gera zeigt Gesicht“ (Thüringer Landeszeitung) oder „Geraer setzen Zeichen“ (MDR) schmücken und von „entschlossenen Demokraten“ und „zivilgesellschaftlichem Engagement“ schwärmen. „Toller Veranstaltungsort mit schattigen Plätzchen“ und „schön, dass keine Gegendemonstranten zu sehen waren“ resümmiert unterdessen einer der Nazis am Ende des Tages.</p>
<p>„Alle waren Sieger, auch wenn einer nur gewinnen kann“ besang Mini-Playback-Show Moderatorin Mariijke Amado einst das Phänomen der harmonischen Einigkeit widerstreitender Akteure, die aus Angst, sich dem eigenen Versagen stellen zu müssen, sich präventiv jeglicher Selbstkritik verwehren. Der 11. Juli in Gera war ein Tag des Versagens an dem noch deutlicher als in den Jahren zuvor die NPD als Siegerin von der Bühne ging.</p>
<p>Versagt haben Demonstranten, deren antifaschistisches Selbstverständnis sich nach Zeit- und Programmplänen und nicht nach der (Nazi-)Realität vor Ort richtet. Versagt haben Journalisten, die sich selbst nicht als kritische Begleiter sondern als PR-Agentur verstehen. Versagt haben Veranstalter, die sich weigern zu fragen, warum es ihnen wieder nicht gelungen ist eine ausreichend Masse zu mobilisieren. Versagt haben Politiker, deren individuelles demokratisches Engagement sich selten in mehr niederschlägt, als in Wahlkampfkalender und sinnentleerte Standardreden gepresste Pflichtübungen. Und versagt hat die große Masse der Bürger der Stadt, deren Lethargie, eigentlich nur einen Slogan für diesen Tag rechtfertigt: „Gera – harmonisch, apathisch, braun“.</p>
<p><em>für Zeit-Stoerungsmelder</em></p>
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		<title>Völkerschau mit Neckermann</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 13:39:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>
		<category><![CDATA[Neckermann]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Tourismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Millionen Deutsche fahren jedes Jahr ins Ausland in den Urlaub.
Einige Wochen später kehren sie wieder heim – braun gebrannt, einige hundert Euro ärmer und meistens ein ganzes Stück rassistischer.
Pünktlich um 16 Uhr ging es los: „Boccia, Boccia, Boccia!“, rief es am Rand unseres Swimmingpools aus dem Mund eines dunkelhäutigen, durchtrainierten Mannes mit rosa ins Haar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Millionen Deutsche fahren jedes Jahr ins Ausland in den Urlaub.<br />
Einige Wochen später kehren sie wieder heim – braun gebrannt, einige hundert Euro ärmer und meistens ein ganzes Stück rassistischer.</em></p>
<p>Pünktlich um 16 Uhr ging es los: „Boccia, Boccia, Boccia!“, rief es am Rand unseres Swimmingpools aus dem Mund eines dunkelhäutigen, durchtrainierten Mannes mit rosa ins Haar eingeflochtenen Perlen. Manchmal war ich auch am strahlend gelben Strand, tauchte ich zwischen neongrünen Badeanzügen hindurch, während wir vormittags meistens in einem nach Polstermöbelhaus riechenden Reisebus Teppichmanufakturen, Seifenfabriken oder den Gewürzhändlerbasar besuchten.</p>
<p><span id="more-513"> </span></p>
<p>Es war Cluburlaub in Tunesien und ich nicht älter als zwölf Jahre. Das erste Mal außerhalb Europas,  das erste Mal auf einem richtigen Golfplatz, das erste Mal traf ich auf angsteinflößendes, dunkles Seegras und zum ersten Mal beobachtete ich meine Mutter, wie sie standfest gegen diesen Teppichhändler anfeilschte. Das erste Mal war ich in einer richtig fremden Kultur und bis heute ergreift mich immer wieder dieses Gefühl, wenn ich „Tunesien“ höre: Boccia, Busse und Basare.</p>
<p>Doch was da in meinem Kopf herumschwirrt, sind weit mehr als verklärte Kindheitserinnerungen, als reduzierte Idealbilder, als die Träume, die über Hochglanzwerbeanzeigen jeden Tag in Millionen Haushalte geliefert werden. Es sind entmenschlichte Wunschbilder, nicht mehr als Klischees, die zum Hauptverkaufsargument einer ganzen Industrie geworden sind. „Let your dreams become true“ nennt es Neckermann, als nichts weniger als „Rassismus“ bezeichnet es die entwicklungspolitische Organisation „TourismWatch“.</p>
<p><strong>Die Flucht ins real existierende Paradies</strong><br />
Beim Tourismus geht es um Sehnsüchte, Träume und Wunschbilder, um traditionelle Gesellschaften, die Rückbesinnung auf die Natur oder die Erfahrung nie gekannter ursprünglicher Herzlichkeit. Von der „inflationären Vermehrung des real existierenden Paradieses“, welche mittlerweile scheinbar überall auf der Welt zu finden sei, spricht der Reiseautor Christoph Henning in seinem Buch „Reiselust“.  Doch Tourismus als Flucht in das eigens konstruierte Paradies ist nicht mehr als positiver Rassismus, der den Einheimischen abverlangt, das bessere Leben vorzuleben, positive Gegenentwürfe anzubieten, für unsere Ängste und Schwächen herzuhalten und sich bedingungslos dem Diktat der erwarteten Glückseligkeitsbringung zu unterwerfen. „Entfliehen sie dem Zivilisationsalltag“ lockt ein Anbieter für „Kulturreisen in Afrika und Arabien“. Doch wenn Tourismus eine Flucht aus der Zivilisation ist, dann kann das Ziel ja nur unzivilisiert sein.</p>
<p><img class="alignnone" src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/hagenbeckgross.jpg" alt="" width="430" height="271" /></p>
<p><strong>Auf der Suche nach der minderwertigen Rasse</strong><br />
Es scheint nur konsequent, dass sich in kaum einem Reiseführer Spuren von Menschen oder Zivilisation finden lassen – es sei denn, die Zivilisation ist verfallen, die Menschen sind mit Sanddünen und Kaffernbüffelherden Teil einer Kulisse ursprünglicher Schönheit oder stehen in einem archaischen, vorindustriellen Zustand als Fischfänger und Teppichknüpfer in einer Reihe mit UNESCO-Weltkulturerben.<br />
Der einsame südtirolische Bauer, der in romantischer Idylle fernab jeden Alltagsstresses das ursprüngliche Leben genießt, um sich dann doch gelegentlich mit Nachbarn und Freunden bei Wein, Weib und Gesang das Leben schmecken zu lassen. Der tibetanische Klosterschüler, der im Prozess der Einswerdung mit dem Kosmos in psychedelischen Nebelschwaden versinkt, während der hawaiianische Surferboy am eigenen Adoniskörper die Macht und Anmut der Natur in unberührter Vollkommenheit und fernab aller materialistischen Sorgen spürt. Was einst der naturverbundene edle Wilde war, ist heute der sexuell enthemmte Südseeinsulaner. Die Lebenswirklichkeit der Betroffenen wird dabei kategorisch ausgeblendet, die Kultur auf ein reines Showprogramm reduziert, um die voyeuristischen Bedürfnisse in der Regel europäischer Exotensammler zu befriedigen.</p>
<p><strong>Die Wahl zwischen faszinierenden und armen Negern</strong><br />
Im sog. „Kultururlaub“, so die Mitarbeiterin der tourismuskritischen Organisation „Equations“ aus dem indischen Bangalore, suchen Touristen  „eine wahrhaft minderwertige Rasse oder eine niedere Kultur, die sich der höhergestellten, in aller Regel weißen Rasse darbietet.“ Der Einheimische wird dabei nicht nur zum Anschauungsobjekt einer eskapistischen Safarifahrt degradiert, sondern wird gleichzeitig noch zu deren Erfüllungsgehilfen. Der gemeine Mexikaner, Chinese oder Ägypter ist selten mehr als Kellner, Putzfrau, Busfahrer, Schuhputzer, Massagedame oder Internetcafébetreiber, die in der Regel v.a. eines sind: immer freundlich und aus einfachen Verhältnissen stammend, bemüht, sich auf lustige Weise in der deutschen (oder zumindest englischen) Sprache verständlich zu machen.</p>
<p>Durch diese eigens abgestellten Einheimischen lebt der Tourist außerhalb des kulturellen Showprogramms in der Regel in einer räumlich und zeitlich abgekapselten und eigens für ihn geschaffenen Parallelkultur. Dabei ist es egal, ob sich diese Parallelkultur hinter den Mauern der frisch renovierten Bettenburgen an der Algarve oder den Rauchschwaden der hippiesken Backpackerhotels von Thailand versteckt: der Einheimische ist selten ein gleichwertiges Gegenüber. Stattdessen wird er zum Instrument, welches es ermöglicht, den eigenen Rassismus nicht nur zu bestätigen, sondern durch die Bereitstellung des vermeintlich objektivierenden Gegenstücks sogar noch zu festigen. Im Gedanken, man habe ja schließlich beide Seiten gesehen, bleibt so für den Einheimischen nur die Wahl, Opfer des einen (der faszinierende Ne-ger) oder des anderen Rassismus’ (der arme Neger) zu werden.</p>
<p><strong>Der Rückkehrer wird zum Klischee-Experten</strong><br />
Und nach der Rückkehr? Da begannen auch bei mir die Fotoalbenschauen, die Versammlungen von Verwandten und Bekannten, und ich freute mich, endlich den Experten geben zu können. Kaum drei Wochen war ich damals in Tunesien, doch unhinterfragt und unwidersprochen wurde mir und wird allen anderen Rückkehrern die Autorität zugesprochen, die neu erworbenen Klischees weiterzuverbreiten. Schließlich war man ja „dort“ und müsse es wissen.</p>
<p>Bei Kaffee und Kuchen erzählte ich (wahrscheinlich war es doch eher meine Mutter) aber nicht nur vom lustigen Boccia-Boy sondern auch von diesem kleinen, schmutzigen Straßenjungen, der – kaum älter ich – im Café mit seiner Oud-Kurzhalslaute so zauberhaft spielend von Tisch zu Tisch ging und um ein paar Dinar bat.</p>
<p><strong>Völkerschau am Kaffeetisch</strong><br />
„So naturverbunden und mit einer unglaublichen Herzlichkeit sind die Menschen dort gesegnet.“ Man habe zwar auch Armut gesehen, doch seien die Menschen dort auch mit Wenig glücklich, heißt dann dann an Kaffeetischen weltweit. „Zwischen Tradition und Moderne” – Jemen, Namibia, Neuseeland, Armenien, Kanada oder Peru – „Ein Land der Gegensätze“, heißt es bei Neckermann. „Interessant sind auch die vier Buschmänner (…) seltsame, den Affen ähnelnde Menschenrace (…) Doch scheinen sie sehr guthmütig zu sein, wie sie denn auch jede halbe Stunde vor den Zuschauern bereitwillig ihre Sprünge und Tänze wiederholen“, hieß das im Jahre 1854 in Hagenbecks „Völkerschau“.</p>
<p><em>für UNIQUE</em></p>
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		<title>&#8220;Ich muss quiecken, ich muss schreien, ich muss flennen&#8221; [ungekürzt]</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 13:35:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gera]]></category>
		<category><![CDATA[Prostiuierte]]></category>
		<category><![CDATA[Ramona]]></category>
		<category><![CDATA[Sex]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Als „Ramona Extreme“ uns zum Interview einlud, dachten wir an Geschichten über gewaltätige Freier, Frauen unterdrückende Zuhälter und das Leben einer vom Schicksal gebeutelten Prostituierten in einer sie verachtenden Gesellschaft. Doch stattdessen fanden wir in einer bürgerlich eingerichten Zwei-Zimmer-Wohnung in Gera eine selbstbewusste 46-jährige Frau vor, die sich weder als Opfer noch als Täter sieht. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Als „Ramona Extreme“ uns zum Interview einlud, dachten wir an Geschichten über gewaltätige Freier, Frauen unterdrückende Zuhälter und das Leben einer vom Schicksal gebeutelten Prostituierten in einer sie verachtenden Gesellschaft. Doch stattdessen fanden wir in einer bürgerlich eingerichten Zwei-Zimmer-Wohnung in Gera eine selbstbewusste 46-jährige Frau vor, die sich weder als Opfer noch als Täter sieht. Wir trafen Ramona, deren Erfahrungen und Ansichten trotz ihrer 20-jährigen Berufserfahrung nicht weniger widersprüchlich sind, als es unsere Vorurteile über sie waren. Eine Frau, die tschechische Mädchen aus der Zwangsprostitution rettete und deren größtes Tabu Sex mit Ausländern ist; die ihre Arbeit auch als Kampf gegen Pädophilie versteht und sich dafür – das Vergewaltigungsopfer spielend – in Kinderkleider zwängt.  Eine Frau, die kaum eine sexuelle Spielart nicht praktiziert hat und sich bei manchen jungen Freiern dennoch ihres Körpers schämt.</em></p>
<p><strong>Erzähl uns bitte von deiner Arbeit. Was machst du, wie sieht ein normaler Arbeitstag von dir aus? Was bietest du an, wieviel kosten deine Dienstleistungen?</strong><br />
Ramona: Ja also, Der Arbeitstag beginnt früh um sieben und endet um 20 Uhr. Es kommen viele vor der Schicht oder nach der Nachtschicht. Viele sind verheiratet und kommen schlecht von ihren Frauen weg. Ich biete den normalen Bereich, d.h. zärtlichen Sex an und auch härteren Sex.<br />
<strong>Das heißt SM? </strong><br />
Ja, Kliniksex und solches Zeug.<br />
<strong>Welches Zeug?</strong><br />
Kliniksex! <em>[lacht]</em> Bei Kliniksex kleide ich mich wie eine OP-Schwester. Ich habe ein weißes Studio  mit Frauenarztstuhl und es werden Untersuchungen gemacht.<strong></strong></p>
<p><img class="alignnone" src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/ramonagross.jpg" alt="" width="430" height="677" /></p>
<p><strong>Die Männer legen sich in den Frauenarztstuhl?</strong><br />
Ja, ich bin die Krankenschwester. Die wollen dann Katheter gelegt bekommen oder Analdehnung, dass Urin abgeht. Wie beim Doktor. Das geht so weit, bis die Männer richtigen Schmerz empfinden, wenn ich ihnen z.B. die Vorhaut zunähe.<br />
<strong>Hast du dazu eine medizinische Ausbildung?</strong><br />
Ja, ich war in einem Studio und wurde dazu ausgebildet. Das war in Dortmund.<br />
<strong>Und das vertragen die Männer physisch?</strong><br />
Natürlich nicht alle, aber die darauf stehen, die vertragen das.<br />
<strong>Kommt es trotzdem vor, dass Männer es sich z.B. unglaublich befriedigend vorstelle, sich die Vorhaut zunähen zu lassen und letztendlich schreien sie und bitten dich aufzuhören?</strong><br />
Die Männer wollen die Schmerzen. Anschließend gehen sie zugenäht nach Hause und machen sich selbst die Nähte auf. Oder manchmal muss ich ein kleines Kind spielen, ein Schulkind z.B. Deshalb finde ich den Job gut, denn sonst würden sie sich vielleicht  an kleinen Kindern auslassen.<br />
<strong>Du fühlst dich also auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung, perverse Wünsche von Männern zu befriedigen, damit sie z.B. nicht zu Vergewaltigern werden?</strong><br />
Genau. Du bist aber auch oft einfach Psychologin oder Mutter. Man muss sich viel anhören. Manchmal wollen sie gar keinen Sex, sie reden mit dir über Probleme.<br />
<strong>Wie oft kommt das vor?</strong><br />
Es kommt vor. Sie kommen wenn die Frauen fremd gegangen sind.<br />
<em>[lacht]</em> Wie sie sich verhalten, ob sie sich trennen sollen. Man muss gut zureden können. Ich habe auch viele Jugendliche, ab 18 Jahre.<br />
<strong>Achtest du aufs Alter?</strong><br />
Ja, musst du.<br />
<strong>Du lässt dir an der Tür den Ausweis zeigen?</strong><br />
Ja, wenn der jung aussieht, dann verlange ich den Ausweis. Es nimmt dir auch keiner übel. Steffi <em>[zu ihrer Freundin, die mit im Zimmer sitzt. Name von der Red. geändert] </em> du kennst mich doch länger, ich erzähl dir doch viel.<br />
<strong>Lass uns nochmal zu deinem Alltag zurück kommen. Du fängst um sieben an und dann klingelt es irgendwann an der Tür…</strong><br />
Nee, die rufen auf Annoncen an und dann mache ich einen Termin aus. Wie gesagt, bin ich ja allein hier. Früher hatte ich einen großen Laden, doch die Stadt hat ihn mir dann zugemacht.<br />
<strong>Wieso?</strong><br />
Das war ein harter Kampf. Das war ein Eroscenter mit Tabledancebar. Mit der Sache war ich auch überall im Fernsehen, habe auch eine Demonstration gemacht.  Ich wollte das der Job anerkannt wird. Sie umschreiben alles schön, gerade in Bezug auf den Gewerbeschein. Sie sagen, der Beruf ist anerkannt, aber in meinem Gewerbeschein steht Begleitservice obwohl ich immer wollte, dass Prostituierte darauf steht. Damals stellte sich die Stadt quer. Sämtliche Auflagen haben sie mir gegeben, die ich im Objekt zu erfüllen hatte. Um meinen Laden kaputt zu machen, sollte ich z.B. auf meine Kosten eine dritte Fahrspuhr bauen, weil sie mit 500 Autos pro Tag gerechnet haben und so ein Mist.<br />
<strong>Die Stadt wollte verhindern, dass du ein Bordell eröffnest?</strong><br />
Am Anfang haben sie zugestimmt, ich hatte ja die Genehmigung. Ich habe um mein Recht gekämpft. Das geht schon bei der Krankenversicherung los. Es heißt ja, Prostituierte könnten sich krankenversichern. Klar können wir das, aber wir werden so hoch eingestuft, dass wir das gar nicht bezahlen können. Die sehen in uns immer einen Risikofaktor z.B. in Bezug auf AIDS obwohl wir öfter untersucht werden als manch andere Frau.<br />
<strong>Musst du regelmäßig zum Gesundheitscheck?</strong><br />
Ich muss nicht, aber man tut es natürlich freiwillig. Vierteljährig lasse ich einen AIDS-Test machen, Abstrich usw.<br />
<strong>Schläfst du nur verhütet mit Männern?</strong><br />
Mit Kondom.<br />
<strong>Was tust du, wenn das jemand nicht will?</strong><br />
Das habe ich auch schon erlebt. Manchmal legen sie ein bisschen mehr Geld hin, aber das interessiert mich nicht. Ich kenne aber auch viele, die es ohne machen. Meine Gesundheit ist mir da mehr wert.<br />
<strong>Wieviele Männer kommen pro Tag zu dir?</strong><br />
Zurzeit ist das Gewerbe ganz schlecht. Ich muss ehrlich sagen, momentan habe ich meinen Gewerbeschein auf geringfügig schreiben lassen, weil ich selbst mit meinem Geld nicht mehr auskomme und hole mir deshalb ein bisschen Zuschuss vom Amt. Das bekommt man. Es ist unterschiedlich wieviele es pro Tag sind. Früher zu guten Zeit hat man schön Geld verdient. Das war gleich nach der Wende, wo das noch alles Neuland war. Aber heute ist auf jeder Straße bei uns Rotlicht.<br />
<strong>Ich war selbst überrascht, dass ich bei der Recherche nach Prostituierten auf so viele Frauen gestoßen bin. Ich komme ja selber aus Gera und wusste das früher nie.</strong><br />
<strong>Kommen auch Frauen zu dir?</strong><br />
Nee, das will ich auch nicht. Wie soll ich sagen, die Männer sind dann beunruhigt. Wenn ich alle beide reinnehmen würde, müsste der Kunde denken, dass er vielleicht seine Frau hier trifft. Deshalb lasse ich nur Männer herein.<br />
<strong>Das hier ist dein Studio und hier arbeitest du?</strong><br />
Nee, das ist meine Wohnung.<br />
<strong>Und wo arbeitest du?</strong><br />
Jetzt hier. Früher war ich im Studio Petra tätig. Und, wie gesagt, früher hatte ich große Häuser aber die hat mir die Stadt kaputt gemacht.<br />
<strong>Wo arbeitest du hier?</strong><br />
Ganz normal in meinem Schlafzimmer.<br />
<strong>Und hier ist auch die ganze Einrichtung, der Gynäkologenstuhl?</strong><br />
Nee, das weiße Studio ist in Studio Petra. Das ist ein komplettes Haus, das ist etagenweise eingerichtet und das mietet man, wenn man es braucht.<br />
<strong>Kannst du uns noch etwas  zu deinen Kunden erzählen. Gibt es ein typisches Alter, typische soziale Hintergründe…</strong><br />
Also von 18 bis 87  – das ist mein Ältester – ist alles dabei. Von Richtern bis Doktoren ist alles dabei. Arbeitslose weniger. Jene, die auf Sadomaso und auf die harte Schiene stehen, das sind eher die, die etwas zu sagen haben auf Arbeit, z.B. Richter, Anwälte, Bewährungshelfer.<br />
<strong>Sind auch öffentlich bekannte Personen dabei?</strong><br />
Weniger. Früher als ich nach der Wende im Nachtclub gearbeitet haben waren ein paar Bekannte da, z.B. Schlagersänger.<br />
<strong>Sagst du uns wer?</strong><br />
<em>[kichert]</em> Eine bekannte Gruppe.<br />
<strong>Wieviel Geld lässt man denn durchschnittlich bei dir?</strong><br />
Wenn jemand kommt, dann verlange ich 50 Euro.<br />
<strong>Pro Stunde?</strong><br />
Der ist eine Stunde bei mir. Wir machen es uns gemütlich, er trinkt ein Glas Wasser, Cola, Kaffee – je nachdem was er will, wir unterhalten uns ein bisschen. Man muss ihn ja auch erst kennen lernen -  es ist ja nicht nur Stammkundschaft. Dann gehen wir gemeinsam ins Bad, dann wird gewaschen.<br />
<strong>Ihr wascht euch gegenseitig?</strong><br />
Ich achte selbst darauf ihn auch untenrum zu waschen.<br />
<strong>Das ist dann schon einmal ein kleines Vorspiel für ihn?</strong><br />
Für mich ist es ein Vorspiel, weil es schneller geht, denn meistens steht er dann schon. [kichert] Dann habe ich weniger Arbeit im Bett, wenn er schon mit Ständer kommt. Aber ich achte darauf, dass vornweg gewaschen wird und hinterher wasche ich ihn auch. Ein bisschen sauber muss das schon sein.<br />
<strong>Welche Praktiken werden am meisten nachgefragt?</strong><br />
Die natürlichen: Französisch beiderseits, Verkehr, Stellungswechsel – und das ist bei den 50 Euro alles dabei.<br />
<strong>Wieviel bezahlt man für deinen Kliniksex?</strong><br />
Da gehts ab 120€ aufwärts.<br />
<strong>Wieviel verlangst du für deine teuerste Dienstleistung?</strong><br />
Jetzt?<br />
<strong>Oder als es noch besser lief?</strong><br />
Beim Klinksex hatte man schonmal 200€. Aber früher als es noch besser lief. Heute bringt das keiner mehr auf. Die Wirschaft ist eben unten.<br />
<strong>Du merkst ganz direkt die Auswirkungen der Wirschaftskrise?</strong><br />
Ja auf jeden Fall. Früher konnte ich von dem Geld leben, heute geht das gar nicht mehr. Heute bekomme ich Hartz4.<br />
<strong>Wie ist es für dich, wenn du im Alltag einem Kunden über den Weg läufst?</strong><br />
Ich habe damit keine Problem. Ich laufe selbstbewusst durch die Stadt. Mich kennen sehr viele Leute. Ich war in der Bildzeitung, auf Pro Sieben, auf sämtlichen Fernsehkanälen. Ich war auch im Gefängnis wegen meinem Beruf, da kam auch gleich wieder die Presse.<br />
<strong>Erzähl uns was über deine Zeit im Gefängnis.</strong><br />
Angefangen habe ich auf dem Straßenstrich in Gera. Der hat mir nicht gefallen.<br />
<strong>Illegal?</strong><br />
Ich bin damals an einen Mann geraten, der mich dort hin gestellt hat. Ich musste eine Tagesmiete bezahlen, was mir nicht gefallen hat und nach 14 Tagen bin ich im Nachtclub gelandet. Die Arbeit hatte ich mir selber gesucht. Dann habe ich mich selbstständig gemacht. Da ging es los: Ich wollte einen Gewerbeschein haben. 96 war das. Damals haben die Ämter noch gesagt “das gibt es nicht.” Da sagte ich, aber es sind doch ein paar Wohnungen für Prostitution geöffnet. “Das können sie machen wie sie wollen”. Dann bin ich nach Halle mit einer Freundnin. Wir haben eine Wohnung eröffnet, die auf meinen Namen lief. Wir haben Handys und Annoncen auf meinen Namen geschaltet. Dann kam die liebe Konkurrenz von Halle, die mich aufforderte mich in die Stadt zurückzuscheren, wo ich herkomme. Das sei ihr Rotlichtgebiet. Doch dann bin ich nicht gegangen, wir sind schließlich alles freie Menschen und können arbeiten wo wir wollen.  Und so haben sie mich bei der Polizei angezeigt, ich würde Mädchen ausbeuten, hätte Waffen und Drogen im Haus. So wurde ich festgenommen, kam in Untersuchungshaft. Dann war ich in Eisleben im Frauengefängnis für vier Wochen.  Dann wurden die Mädchen vor Gericht befragt, bis eine anfing mit heulen und die Wahrheit sagte. Sie sagte, dass die Konkurrenz ihr gesagt hat, dass wenn sie nicht gegen mich aussagt, würde sie auf einen Strich, wo es ihr richtig schlecht geht, geschickt. Das Ende vom Lied war schließlich, dass ich frei war und die verantworliche Frau vom Rotlichtmilieu festgenommen wurde und die Jahre bekommen hat.<br />
<strong>Wieviel hat sie bekommen?</strong><br />
Acht Jahre. Mir wurden damals zehn Jahre angedroht. Alles wurde zusammengefasst: Waffenhandel, Menschenhandel. Das einzige, was sie mir nachweisen konnten, war die Förderung der Prostitution. Damals gab es noch keinen Gewerbeschein. Weil ich einen Beutel Kondome in der Wohnung hatte und rechtlich hätten die Mädels die Kondome in ihrer eigenen Handtasche haben müssen. Aber stattdessen hab ich ihnen die Kondome gegeben und sie somit gefördert.<br />
<strong>Ist der Straftatbestand “Förderung der Prostitution” mittlerweile abgeschafft</strong>?<br />
Du darfst es ja machen. Aber es wird immer noch umschrieben. Bei mir auf dem Gewerbeschein steht Begleitservice, bei anderen Massagesalon, obwohl jeder weiß, dass ich Prostituierte bin.<br />
<strong>Was glaubst du woran das liegt, dass man sich nicht klar zu dem Begriff “Prostituierte” durchringen kann?</strong><br />
Hier in Gera weiß ich es ganz genau. Es gab einen Zeitungsartikel mit dem Tenor “In unserer Stadt gibt es keine Prostituierten – Die Stadt ist sauber.”<br />
<strong>Es liegt vor allem am gesellschaftlichen Druck? Prostitution als etwa schmutziges usw.</strong><br />
Ja genau, der Ruf ist noch da.<br />
<strong>Wie verhältst du dich, wenn du Kunden auf der Straße begegnest?</strong><br />
Ich grüße sie ersteinmal nicht. Aber wenn sie mich grüßen, dann grüße ich sie zurück. Und ich erlebe es häufig, zuerst gegrüßt zu werden.<br />
<strong>Hast du viele Stammkunden?</strong><br />
Mit meinen Stammkunden kann ich auf jeden Fall eher rechnen, als mit Durchläufern. Gera hat sowieso kein Geld. Die Leute sind alle auswärts arbeiten, auf Montage z.B.<br />
<strong>Hast du Spaß an deiner Arbeit?</strong><br />
Ja. Es ist nicht nur das Geld, muss ich ehrlich  sagen. Ich könnte auch das volle Arbeitslosengeld bekommen und mich zur  Ruhe setzen. Also ich habe Spaß daran. Ich habe selber keinen Freund und irgendwo muss ich mir meinen Sex ja holen und so kriege ich ihn auch noch bezahlt. [lacht] Und das was du auf der Straße zu heiraten findest, taugt sowieso nichts.<br />
<strong>Hast du sexuelle Kontakte außerhalb der Arbeit.</strong><br />
Nee. Ich hatte eine vierjährige Beziehung. Aber zu einer festen Bindung wäre es nie gekommen, weil er meinen Job nicht akzeptiert. Ich hätte aufhören müssen. Aber ich will keinem Mann auf der Tasche liegen, sondern mein eigenes Geld verdienen.<br />
<strong>Das war ein großes Problem für ihn?</strong><br />
Ja. Man hat die Vorwürfe gehört “wieviele ware heute auf dir drauf” usw. Ich verstehe ihn ja auch. Wenn ich einen Mann liebe und müsste  ihn mit Frauen teilen, das würde mit auch nicht gefallen. Und genauso verhielt es sich bei ihm.<br />
<strong>Du unterscheidest da nicht zwischen Job und Privatem?</strong><br />
Doch, doch!<br />
<strong>Aber im Sexuellen nicht?</strong><br />
Ich schleppe sicherlich nicht jeden mit. Wenn ich fortgehe, dann habe ich mit meiner Freundin mehr Spaß. Sicherlich mache ich mal einen Tanz oder lasse mir ein Getränk an der Bar ausgeben aber wenn einer aufdringlich wird und mit anspricht mit “Hey  Kleine, was läuft heute Abend noch” dann sag ich ihm: “Weißt du was ich bin  – Prostituierte.” Und dann bin ich ihn sofort los. Da bin ich ehrlich. Wenn er mir so auf den Keks geht und ich meine Ruhe will, weil ich mit meiner Freundin weggehe und nicht dort bin weil ich einen suche. Meine Familie steht total hinter mir – Meine Eltern, meine Kinder.<br />
<strong>Wieviele Kinder hast du?</strong><br />
Ich habe zwei Mädels, die eine ist 26 und die andere 22 Jahre alt.<br />
<strong>Wie haben die auf deinen Beruf reagiert?</strong><br />
In der Schulzeit ist es zum ersten Mal herausgekommen und ich musste mich erklären.<br />
<strong>Voher hast du es ihnen verheimlicht?</strong><br />
Ja. Ich habe es ihnen verheimlicht.<br />
<strong>Wie haben sie es herausgefunden?</strong><br />
Ich habe auch Pornofilme gedreht. Irgendwelche Schulkamerade haben mich dann auf dem Cover gesehen und da ging ein riesiges Theater los und ich musste Stellung beziehen, auch in der Schule.<br />
<strong>Wie haben deine Kinder reagiert?<br />
</strong>Ach, damals waren die neun und acht, da verstehen die das noch nicht. Ich habe ihnen erzählt, dass die Mutti den Beruf macht, damit es euch gut geht, wir ab und zu in den Urlaub fahren können. Wie gesagt, ich habe meine Kinder allein groß gezogen und irgendwo  muss das Geld ja herkommen.<br />
<strong>Mittlerweile gibt es keine Probleme mehr zwischen euch?<br />
</strong>Gar keine Probleme, die haben ihren Beruf und stehen hinter mir, akzeptieren meinen Job und sagen “Ja Mutti, du verlangst kein Geld von jemanden, bettelst nicht.” Ich leben mein Leben.<br />
<strong>Gab es Zeiten wo das Verhältnis kritischer zwischen euch war?<br />
</strong>Nein, gar nicht.<br />
<strong>Hast du es deinen Eltern erzählt?<br />
</strong>Meinen Eltern habe ich es Sonntagsfrüh am Frühstückstisch erzählt. Sie wohnen in Chemnitz und dort übernachte ich auch manchmal ein Wochenende. Ich habe es erst meiner Mutter heimlich erzählt und dachte sie kippt aus dem Stuhl.<br />
<strong>Wie alt warst du?<br />
</strong>28, als ich angefangen hab und jetzt werde ich 46.<br />
<strong>Wie haben sie reagiert?<br />
</strong>Geschockt erstmal, haben mich gefragt warum ich das mache. Sie standen finanziell sehr gut da, hatten eine Gaststätte, ich hätte es nicht nötig gehabt, hätte bei meinen Eltern arbeiten können. Aber mir ging es immer darum, dass wenn ich bei meinen Eltern in der Gaststätte aushelfe, nichts von ihnen zu verlangen.<br />
<strong>Was hast du ihnen erzählt, warum du es machst?<br />
</strong>Wegen dem Geld.<br />
<strong>Wegen dem Geld?<br />
</strong>Wegen dem Geld!<br />
<strong>Also du hast wegen dem Geld angefangen?<br />
</strong>So habe ich angefangen.<br />
<strong>Was hast du vorher gemacht?<br />
</strong>Friseuse. Erst war ich bei einer großen Kette, bei der ich bis 22 Uhr schichtarbeiten musste, was ich wegen der Kinder nicht mehr konnte, weil der Kindergarten nicht solange auf hat. Dann hab ich privat in einem Salon angefangen, als die Wende kam. Meine Chefin hat einen Schweizer geheiratet, der Laden ging kaputt und ich stand auf der Straße.<br />
<strong>Mit der Zeit hast du Gefallen an deinem heutigen Beruf gefunden?<br />
</strong>Durch eine Freundin bin ich dazu gekommen, d.h. auf den Straßenstrich. Die erzählte mir “Mensch, du kannst hier richtig viel Geld verdienen, gucke es dir doch mal an.” Ich bin mit dem Wohnwagen nach Gera gefahren.<br />
<strong>Wie war die Anfangszeit.<br />
</strong>An den ersten Gast erinnere ich mich noch heute. Ich stand am Wohnwagen und ein Auto hielt.  Meine Freundin, die schon länger dabei war, lief gleich hin und sagte “Hey Süßer”. An die Worte kann ich mich noch genau erinnern. Und er sagte: “Wer ist denn die Kleine hinter der Tür?” Ich hatte mich hinter der Wohnwagentür versteckt und mir gerade eine angezündet und er sagte: “Die möchte ich sehen.” Sie hat mich gerufen und erst wollte ich gar nicht hinter die Tür vor. Schließlich bin ich vor und er sagte: “dich nehme ich.”  So bin ich mit ihm in den Wohnwagen hinein und wusste gar nicht was ich zuerst machen sollte. Wir lagen auf dem Bett und ich wusste nicht wie ich ihn anfassen soll und er sagte ich solle nicht so aufgeregt sein, denn er mache das heute auch zum ersten mal. So quatschten wir erst einnmal eine halbe Stunde bis die Zeit um war. Und eigentlich hätte er den Wohnwagen verlassen müssen, aber er zahlte dann nochmal eine halbe Stunde nach und sagte: “fangen wir mal langsam an.” Und dann habe ich mir gesagt: “Sagenhaft, das Geld!”<br />
<strong>Hat sich mittlerweile ein Routine entwickelt, wie du z.B. das Vorspiel machst oder ist es bei jedem Gast immer wieder individuell?<br />
</strong>Ehrlich gesagt, jeder Gast ist anders und das ergibt sich einfach. Ich kann nicht am Telefon sagen, dass dieses oder jenes dabei ist oder “magst du es lieber von hinten oder von vorn.” Das kommt immer darauf an wie der Gast mitarbeitet und wie sich alles entwickelt.<br />
<strong>Hast du als jemand, der wahrscheinlich wesentlich häufiger Sex hat als andere, noch ein prickelndes Gefühl?<br />
</strong>Nee, nee, ich muss das nicht unbedingt haben. <em>[lacht]</em> Manchmal kommt auch was Schönes. Ein schöner Gast, ein schöner Freier, jung. Einer, den man auf der Straße vielleicht gar nicht bekommen könnte. Da frage ich mich auch, was der bei so einer Alten macht. Ich bin auch nicht gerade schlank und gerade das ist der Reiz. Denn schlanke, junge haben sie in der Disco und hier wollen sie etwas Erfahrenes und Vollbusiges. Im ersten Moment schäme ich mich auch manchmal, mich auszuziehen. <em>[lacht]</em> Aber dann, dann macht es Spaß.<br />
<strong>Es verhält sich bei dir nicht wie bei einem Büroangestellten, bei dem die Arbeit auch irgendwann öde wird?<br />
</strong>Nee, langweilig wird es nie. Denn jeder Gast ist anders, jeder ist anders.<br />
<strong>Gibt es Momente oder Gäste, bei denen du dir wünschst, dass du doch lieber etwas anderes machen würdest?<br />
</strong>Nee, die schicke ich weg. Denn ich kann immer noch selber entscheiden, ob ich ihn nehme oder nicht. Wenn ich schon jemanden stinkend oder unsauber an der Tür stehen sehe…<br />
<strong>Das heißt  wenn er dir optisch nicht passt…<br />
</strong>Dann sag ich: “oh, es tut mir leid, ich habe gerade einen Gast drin, der hat noch einmal nachgezahlt, du musst noch einmal anrufen, wegen einem neuen Termin.” Die meisten, denen du einmal einen Korb gegeben hast, kommen nicht noch einmal.<br />
<strong>Gibt es auch Fälle, in denen sich deinen Kunden nicht an deine Regeln halten, die agressiv werden?<br />
</strong>Weniger, aber es kam vor. Ich bin nicht dürre, ich hau ihn heraus.<br />
<strong>Bisher gab es keine für dich kritischen Situationen?<br />
</strong>Nö nö nö nö. Ich kann zutreten, wenn mir wirklich einer plumb kommt. Ich gehe immer mit Schuhen ins Bett, weil man mit Schuhen besser zutreten kann, wenn doch einmal was passiert, als wenn man Barfuß ist.<br />
<strong>Wie oft musstes du dich bisher wehren?<br />
</strong>Och  <em>[lacht]</em> in den 20 Jahren vlt. fünf mal wenns hoch kommt. Betrunkene lass ich nicht rein, denn das will ich auch nicht. Früher in meiner Bar hatte ich das. Aber da wusste ich, dass ich da mehere Leute hatte und mir nichts passiert. Aber wenn man allein arbeitet, weiß man, ist es ein gefährlicher Job. Da kann doch mal einer durchdrehen.<br />
<strong>Fühlst du dich gefährdet?<br />
</strong> Nachts hätte ich Angst jemanden hinein zu lassen. Aber tagsüber, sage ich mir, sind Leute auf der Straße wenn mal was ist, kann man jederzeit mal herrausschreien, ob sie dir nun helfen oder nicht – das ist ja nun erstmal egal. Aber Nachts, wenn alles leer ist hätte ich Angst.<br />
Als du noch nicht selbstständig gearbeitet hast, musstest du alle Freier nehmen, die kommen?<br />
Ich sage mal, von jung bis alt habe ich alles genommen. Damals hab ich auch die genommen, die mir unshyphatisch wirken, z.B. ohne Zähne oder was weiß ich. Wenn du in einem Club sitzt, und es sitzen mehrere Frauen da, bist du froh wenn du drei Gäste am Tag hast und kannst nicht wählerisch sein. Du willst ja nicht umsonst sitzen. Ausländer waren aber immer tabu für mich.<br />
<strong>Wieso?<br />
</strong>Es ist nicht so, dass ich die jetzt hasse. Ich hab auch italienische Freunde, die haben ein Restaurant. Aber von Freunden habe ich gehört, wenn du einen Ausländer, einen Türken hereinlässt, irgendwann stehen drei Türken vor der Tür und sie werden immer mehr. Das möchte ich vermeiden. <em>[schweigt für eine Weile]</em> Einfach Stress vermeiden. Mit einem Deutschen kann man reden, da kannst du sagen: “das will ich nicht.” Denn ich muss ja nicht immer alles machen, was die wollen. Aber ein Ausländer sagt ganz schnell: “Ich nix verstehen.” Aber sie verstehen es natürlich.<br />
<strong>Du hattest nie einen ausländischen Kunden? Du kennst die Geschichten nur vom Hörensagen?<br />
</strong>Nee nee, wie gesagt. Ausländer sind nicht mein Ding. Da ziehe ich lieber einen 90-Jährigen vor.<br />
<strong>Gibt es sexuelle Praktiken, die du nicht machst?<br />
</strong>Ja, es gibt bestimmte Sachen, die ich nicht mache. Das ist Anal – prinzipiell nicht. Da sag ich, imme “Das Loch geht  <em>[lacht lang und laut]</em> unbenutzt zurück.” <em>[lacht weiter]</em> Nee, es muss auch ein bisschen Spaß machen. Viele Frauen lassen den sich hinten hinein schieben, damit sie 50 Euro mehr kriegen oder was. Aber ich empfinde da nichts Schönes dabei. Im Gegenteil, es tut weh, es brennt. Ich habe es schon privat probiert, da zaghaft heran zu gehen. Aber es gefällt mir nicht und es soll ein bisschen Spaß machen.<br />
<strong>Was ist, wenn der Kunde dich in der devoten Rolle haben möchte und selbst dominant sein will?<br />
</strong>Puh. Wenn ich… <em>[schweigt und überlegt]</em><br />
<strong>Legst du dich auch mal auf den Frauenarztstuhl?<br />
</strong>Wenn ich den Kunde kenne und ihn vertraue und weiß, selbst wenn er mir Fesseln anlegt, passiert mir nichts… In den 20 Jahren hatte ich schon ein paar Leute. Da habe ich kein Problem. Im Gegenteil, für mich ist es auch eine Ablenkung, als immer nur das Normale. <em>[lacht]</em><br />
<strong>Hattest du schon einmal Ärger mit den Ehefrauen deiner Kunden? Stand schon einmal plötzlich die Mutter eines 18-jährigen, der sich von dir hat entjungfern lassen, vor der Tür?<br />
</strong>Gar nicht. Gar nicht. Es geht ein bisschen diskret ab. Die rufen an, ich gebe ihnen die Adresse durch. Ich dachte heute erst, als du <em>[zu Caro]</em> gestern angerufen hast, dass du vielleicht von einem Gast die Frau bist. Deshalb wollten wir gleich die Zeitung <em>[die Unique]</em> sehen. Nee, den Gast würde ich nicht verraten.<br />
<strong>Wenn jemand kommen würde…<br />
</strong>Wenn jemand fragt ob der Bernd bei mir war, würde ich sagen: “hä, den kenne ich doch gar nicht, was soll der bei mir?”<br />
<strong>Aber es ist noch nicht passiert?<br />
</strong>Nee, nee.<br />
<strong>Erzählen deine Kunden weiter, dass sie bei dir waren?<br />
</strong>Ja, die machen Werbung. Bei Arbeitskollegen oder so.<br />
<strong>Die erzählen sich dann, wie super die Ramona war?<br />
</strong>Ja ich hatte vorhin erst ein Gespräch mit einem Kunde. Der sagte: “mein Arbeitskollege hat vorhin das Gespräch mitgehört, der will dich auch mal kennenlernen.” <em>[lacht]</em><br />
<strong>Machen Kunden auch mal Gruppenausflüge zu dir, zum Jungesellenabend z.B.?<br />
</strong>Früher hatte ich das viel, gerade in dem großen Laden. Aber jetzt, wo ich allein sitze… Wie gesagt, ich lasse nur einen Mann hinein, lasse keine zwei Männer hinein. Aber früher im Laden, da haben die <em>[schwärmend]</em> Jungesellenabende gemacht, Feierabende gemacht, zu Männertagfeiern waren Leute über Leute da. Aber so etwas kann man nur in einer Bar, wo es Nachts so richtig los geht, machen.<br />
<strong>Nochmal zurück zu der Frage, nach sexuellen Tabus…<br />
</strong>Anal, Ausländer, ohne Gummi ist auch Tabu für mich. Wie soll ich sagen, Küssen ist eigentlich auch nicht erlaubt. Da muss ich aber ehrlich sagen, wenn so etwas junges, nettes, hübsches kommt, da wird mal ein Küssel gegeben. <em>[lacht]</em> No.<br />
<strong>Was ist, wenn dein Gast, richtig verletzt werden möchte, z.B. beim Kliniksex?<br />
</strong>Also, alles mache ich auch nicht. Manchmal wollen die Männer, dass ich im Hodenbereich etwas mit der Spritze hinein spritze, bis er prall wird, aber das lehne ich ab. Ich gehe so weit, was ich noch verkraften kann.<br />
<strong>Es muss sich im rechtlichen Rahmen bewegen?<br />
</strong>Genau.<br />
<strong>Kommt es vor, wenn nicht bei dir dann vielleicht bei deinen Kolleginen, dass Kunden verletzt werden wollen?<br />
</strong>Na klar. Im dominanten Bereich wollen viele verletzt werden. Nicht innerlich oder so ein Mist. Aber z.B. bei Analdehnung wollen manche nur einen Finger rein. Auf jeden Fall ziehe ich einen Handschuh an, dass ich mich auch absicher. Es ist ja auch unangenehm, wenn dann die Kacke an der Hand hängt. Manche wollen fast den ganzen Arm hinein aben. Die sind schon so ausgeweitet, ich weiß gar nicht was die sich zuhause hineinschieben – Flaschen oder was. Man merkt schon, wer von den Männern sich viel Anal penetriert. Die Muskulatur ist ganz anders, das sehe ich, wer da öfters drin rum giecksen lässt.<br />
<strong>Hat dich schon einmal jemand wegen Körperverletzung angezegt?<br />
</strong>Nee, gerade im dominaten Bereich, gibt es welche, die wollen die Striemen der Peitsche eine Woche sehen – da kam noch nie was. Die, die eine Frau zu Hause haben, gehen natürlich nicht mit Spuren heim. Aber es gibt auch ganz Perverse die wollen richtig rote und blaue Striemen. Da tut mir schon oft der Arm weh, weil das dauert ne Weile, die so zu verprügeln bis etwas aufplatzt.<br />
<strong>Wo hattest du deine Ausbildung?<br />
</strong>Zur Domina in Dortmung. Dort war ich 14 Tage, musste alles selber bezahlen. Das war in einem sog. schwarzen Studio und dafür habe ich 10.000 Euro bezhalt.<br />
<strong>Hast du es wieder herein bekommen?<br />
</strong>Ja, doch könnte man sagen, über die Jahre.<br />
<strong>Sollten Prostituierte im Allgemeinen eine Ausbildung haben?<br />
</strong>Solange sie im normalen Bereich bleiben, brauchen sie keine Ausbildung. Die Beine breit machen kann jeder. Aber wenn es um dominanten oder Kliniksex geht, sollte man doch eine Ausbildung mitmachen. Es ist nicht so einfach, gerade bei Analdehnung kann man jemanden verletzen. Ich kann bei Analdehnung die Fingernägel nicht dran lassen, würde ihn verletzen und es nicht einmal merken.  Trotz Handschuhen kannst du die Wände beschädigen, sodass es blutet. Die Peitsche kann natürlich auch jeder hauen, aber wer mehr machen will, der sollte sich das schon einmal von jemanden zeigen lassen.<br />
<strong>Mir ging es jetzt nicht nur um das handwerkliche, sondern auch um die psychischen Folgen. D.h. sollte man lernen, wie man damit umgeht, Prostituierte zu sein?<br />
</strong> Die Mädchen, die das machen wollen, die sind schon so weit – denen musst du keine Schule mehr geben, das ist Käse. Ich als Chefin im Laden muss nur auf eines achten – dass sie wirklich mit Kondom arbeiten. Es ist eben wirklich verlockend bei 100 Euro mehr, das Gummi einfach mal wegzulassen. In meinen Läden habe ich immer Kontrollen gemacht, habe die Kondome im Eimer gezählt und geguckt ob sie sie benutzt haben oder nicht. Das wird ja auch zum schlechten Ruf für deinen Laden. Es muss ja nicht AIDS; es können ja auch andere Geschlechtskrankheiten sein. Das muss dann gemeldet werden und das kommt auf den Laden zurück.<br />
<strong>Hast du jemals deine Berufswahl bereut?<br />
</strong>Ehrlich gesagt, hätte ich gerne eher angefangen. Doch damals zu DDR-Zeiten war das ja alles versteckt. Man kannte das gar nicht, hatt es mal im Fernsehen gesehen, mal in der Zeitung gelesen. Ich bereue keine Stunde.<br />
<strong>Gehts dir dabei eher ums Geld oder um den Spaß an dem was du tust?<br />
</strong>Ich habe Freundinnen kennengelernt, die mir zur Seite stehen. Ich habe aber auch Freundinnen verloren, die das nicht mögen, was ich mache. Aber ich bin zufrieden. Der Zusammenhalt zwischen den Frauen… Nicht überall. Ich habe wirklich gute Leute kennen gelernt, gute Chefs, zu denen ich heute noch Kontakt habe. Ich muss ehrlich sagen, ich bin froh, dass ich sie kenne.  <em>[mit emotional Stimme]</em><br />
<strong>Welches Verhältnis hast du zu deinem Körper? Kann man sagen, dass du ihn verkaufst, dass du ihn primär als Arbeitsinstrument siehst?<br />
</strong>Ja, aber das stört mich nicht. Ich sage immer das ist kein Stück Seife, was sich abnutzt. [lacht laut und kreischend] Das will, ich aber so in der Zeitung lesen. <em>[lacht wieder laut und kreischend]</em><br />
<strong>Kannst du trotzdem noch schüchtern sein, prüde, dich schämen, kann dir dein Körper noch peinlich sein ?<br />
</strong>Mir peinlich, vor wem?<br />
<strong>Vor deinen Kunden z.B.<br />
</strong>Ja, gerade wenn junge Leute kommen, habe ich Probleme mit meiner kräftigen Figur. Aber auf der Straße ist mit nichts peinlich. Ich red mit Ämtern, mit dem Arbeitsamt. Ich bin eine Prostituierte und dazu stehe ich. Oder wenn ich Auto fahre und die Polizei mich anhält, sage ich denen: “Ihr seid wie Zuhälter, das Geld habe ich gerade im Bordell verdient und jetzt nehmt ihr mir das ab.” Ich rede offen, alle kennen mich, die Polizei, die Taxifahrer kennen mich, sie lachen, sie grüßen. Ich bin hier bekannt und nicht nur hier. Stimmt? Du machst dir da nichts daraus als Freundin? <em>[Ihre Freundin zieht eine Schnute und schüttelt den Kopf]</em><br />
Freundin: Wir sind schon so viele Jahre befreundet, schon Ewigkeiten. Ich habe schon immer gewusst, was sie macht und habe noch nie ein Problem damit gehabt.<br />
<strong>Welches Bild hast du von deinen Kunden? Blickst du auf sie herab, hast du Mitleid?<br />
</strong>Manchmal tun sie mir leid. Es kommen ältere Kunden, deren Frauen krank sind, die nicht mehr können. Und da habe ich manchmal Mitleid. Manchmal denke ich mi “der armi Opi, dem nimmst du die Rente weg.” Doch dann denke ich mir, wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes. Ich habe auch ein fairen Preis, viele Studios sind viel teurer. Aber das bringt mir nichts, die Leute sollen schließlich wieder kommen. Sie sollen für ihr Geld auch etwas kriegen.<br />
<strong>Hat sich dein Männerbild durch den Beruf verändert?<br />
</strong>Ja, privat auf jeden Fall. Ich bin sehr misstrauisch, wenn mich jemand kennenlernen möchte. VIele Männer, die zu mir kommen, sind glücklich verheiratet, wollen dann aber die Abwechslung. Deshalb habe ich zu meinem eigenen Partner, zu dem vielleicht eine Beziehung entstehen könnte, auch viel Misstrauen. Wenn ich einen Partner kennen lerne würde, würde ich ihn von vorne und hinten prüfen. Es würde mir schwer fallen, Vertrauen aufzubauen. Ich erlebe es ja, wenn Männer eine Woche auf Montage sind, am Wochenende verabschieden sie sich von mir und die Frau weiß von nichts und denkt, sie sind arbeiten. Und deshalb hätte ich auch kein Vertrauen. Er müsste mir wirklich beweisen, dass er hinter mir steht.<br />
<strong>Am Anfang hast du uns erzählt du empfindest deinen Beruf auch als Verantwortung. Kannst du uns darüber noch mehr erzählen?<br />
</strong>Also… [schweigt]<br />
<strong>Du sagtest, dass du beispielsweise Kindesmissbrauch verhinderst, weil du Leuten die Möglichkeit gibst, ihre Perversion an dir abzureagieren.<br />
</strong>Ja, das ist auch so. Man nimmt verschiedene Rollen an. Ob ich die Rolle des Babys annehme, oder der Gast das Baby ist und ich ihm die Windeln anlege. Oder ob es Vergewaltigungsspiele sind. Ich muss mich mit Minirock anziehen und lasse mich fesseln und der Gast schlitzt mir mit einem Messer die Kleidung auf. Aber wie gesagt, dass mache ich nur mit Kunden, die ich gut kenne. Das würde ich aber nie mit einem fremden Gast machen, weil der mir vielleicht die Kehle durchschlitzt.<br />
<strong>Und du denkst, es befriedigt sein Bedürfnis, solche DInge bei dir auszuprobieren?</strong><br />
Ja, die haben ausprobiert, wie das ist. Ich muss schreien, ich muss quiecken, ich muss flennen. Ich vermute, ich weiß es nicht…<br />
<strong>Deiner Meinung nach, nehmen Prostituierte also generell eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe war?<br />
</strong>Auf jeden Fall. Es ist doch auch besser, wenn ein Ehemann in so einen Laden geht, als wenn er sich eine Liebhaberin sucht und die Ehe auseinander geht. Ein Mann geht immer fremd, wenn die Ehe zu Hause nicht mehr hin haut, sonst kommt er doch gar nicht in die Versuchung. Manche wollen es vielleicht auch nur ausprobieren, aber im Prinzip geht es doch darum: Die Frau hat zwei Brüste, die hat das Loch. Am Ende kommt dasselbe raus. Viele Männer sagen mir ja auch, dass die Ehefrauen nicht blasen, kein Französisch machen oder dass die Ehefrauen nur im Dunkeln ins Bett gehen, er aber ihren Körper sehen will. Er will die Frau auchmal nackt berühren und sehen.<br />
<strong> Du siehst dich also auch als Paartherapeutin?<br />
</strong>Ich gebe auch Tipps. Wenn sie mich fragen, dann sage ich auch was. Oder wenn die Frau sich scheiden lassen will, dann gebe ich auch Tipps. Manchmal sage ich auch: “ja ja die Frauen”. Es sind doch alle gleich, Männer oder Frauen. Ich gebe nicht nur einer Person die Schuld. Manchmal sage ich ihm auch, dass er selber mit daran Schuld ist. Es gehören ja immer zwei dazu, wenn es zu einer Trennung kommt.<br />
<strong>Wie fühlst du dich selbst, wenn du ein Vergewaltigunsopfer spielst?<br />
</strong>Wie fühle ich mich da? Ehrlich gesagt, manchmal gefällt es mir. Weil ich will das auch mal. Warum soll ich immer nur arbeiten, mich bewegen. Wenn ein Mann mal aktiv ist, dann will ich das auch einmal kennenlernen.<br />
<strong>Aber es bleibt doch trotzdem noch ein Unterschied zwischen aktiv sein und seine perversen Gewaltphantasien auszuleben.<br />
</strong>Es gibt ja auch extremere Sache – Kavierspiele, ankacken. Dann setzt bei mir der Ekel ein.<br />
<strong>Aber du machst es trotzdem.<br />
</strong>Ja. Ich lasse mich nicht ankacken, ich mache es bei den Leuten. Bei manchen geht es soweit, dass sie es essen. Da habe ich wirklich zu tun, da schüttelt es mich, da hebt es mich. Doch in dem Moment sage ich mir wieder…<br />
<strong>…das Geld stimmt.<br />
</strong>Ja.<br />
<strong>Nochmal zurück zu den Vergewaltigungspiel. Willst du dich dabei als Vergewaltigunsopfer fühlen?<br />
</strong>Für mich ist das ein Spiel. Für mich ist das ein Spiel. Ich achte zwar darauf, dass er nicht abdreht. Man kann einen Mann jahrelang kennen.  Es steht ja niemanden auf der Stirn geschrieben: “ich bin ein Triebtäter.” Aber ich achte schon darauf, dass es nicht zu extrem wird, da würde ich mich schon aus der Sache herausziehen.<br />
<strong> Hast du schon einmal die Kontrolle über die Situation verloren?<br />
</strong>Nee. Und da muss ich ehrlich sagen, dass ich froh bin 14 Tage auf der Straße gearbeitet zu haben, denn dort lernt man die Herde kennen. Dort musst du dich ganz anders wehren. Das geht mit Worten los, wenn die Autos ankommen. Die sagen dir Dinge, werfen dir Dinge an den Kopf, wo ein anderes Mädchen vielleicht wegrennt. Dort lernt man sich zu verteidigen. Man sagt dann: “Komm her, ich haue dir eine.” Die Straße ist die beste Schule.<br />
<strong>Wie lange warst du dort?<br />
</strong>14 Tage. Aber es hat mir nicht gefallen, weil es etwas unhygienisch war. In dem Wohnwagen hattest du einen Wassertank, eine Schüssel. Und das Wasser musste über die ganze Nacht reichen. Jeder hat sich da drin gewaschen. Das war mir ein bisschen unhygienisch.<br />
<strong>Hast du allgemein das Gefühl, dass dich deine Kunden respektieren.<br />
</strong>Ja<br />
<strong>Also bist du doch mehr als, wie du sagst, zwei Brüste und ein Loch?<br />
</strong>Ich kriege Blumen geschenkt, ein Paket Kaffee, ein Geschenkpaket, Lippenstift. Die rufen mich an und fragen, was ich will. Also es gibt wirklich liebe Leute. Nicht alle.<br />
<strong>Aber die meisten Männer kommen doch nur, weil sie ein Loch brauchen?<br />
</strong>Das hat man ganz schlimm bei Geschäftsleuten von drüben. Aber eher solche, die nichts zu sagen haben, Versicherungsvertreter, Möchtegernchefs. Die kommer herein und behandeln dich wie Ware.<br />
<strong>Wie gehst du dann damit um?<br />
</strong>Dann bin ich eine Maschine. Dann macht es mir auch keinen Spaß. Wenn der Gast mir unshympatisch vorkommt, will ich ihn nur schnell fertig haben. Dann bin ich eine Maschine und treibe ihn auch an und sage: ” du Arschloch, komme fick mich jetzt, du Sau”. Dann gehts auch mal hart zu. Oder wenn mir mal jemand in die Brust beist, das passiert ja alles, dann werde ich auch verrückt, zerre ihm an der Brust und sage: ” tu das nie wieder, ich reiße sie dir raus!” Dann verstehe ich auch keine Spaß mehr. Aber meine Stammleute, die wissen wie ich bin, die machen das auch nicht.<br />
<strong>Wie schnell kannst du nach solchen Situationen wieder abschalten.<br />
</strong>Beim nächsten Gast ist es gleich vergessen. Ok, ich rege mich auf und rufe meine Freundin an, sage: “jetzt war aber ein Arschloch da, ich kriege gleich dir Krise.” Aber dann wird gelacht und ich habe es wieder vergessen. <em>[lacht]</em><br />
<strong>Also nichts anderes, als wenn ein Kellner einen unfreundlichen Gast hat?<br />
</strong>Genau, so muss man das sehen.<br />
<strong>Du fühlst dich nicht erniedrigt, das hat keinen Einfluss auf dein Selbstwertgefühl?<br />
</strong>Um Gottes willen, nee, nee. Aber wenn mir einer unsyhmpatisch kommt, dann sage ich auch: “Na denkst du ich will dich jetzt hier nehmen, bist ja keine Schönheit, raus hier, scheiß auf die 50 Euro, was bildest du dir überhaupt ein.” Vor 14 Tagen war einer da, der wollte nicht rauchen in der Wohnung. Er kam herein und sagt zu mir “ach Raucher, stinkt, ist ja wie, wenn ich einen Aschenbecher knutsche.” Da hab ich gesagt: “wer sagt denn, dass ich dich knutsche.” Es kommen auch Gäste herein, die bitten mich nicht zu rauchen und dann tue ich das auch nicht, aber es kommt darauf an wie sie auftreten. Aber wenn so ein Blödi hier rein kommt und stellt sich schon an den Tresen stellt, anstatt sich hinzusetzen und sagt: “ich hab die ganze Zeite gesessen”… Dann mache ich gleich die zweite und dritte Zigarette an, dann werde ich zum Kettenraucher. Da sagte er “der Qualm.” Da habe ich gesagt: “du kannst jetzt gehen”, habe ihm den Kaffee weggenommen mit der halbe Tasse drin und hab ihn hinausgeschickt.<br />
<strong>Wie hat er reagiert?<br />
</strong>Was soll er denn machen? Hätte er etwas gemacht, hätte ich auch was gemacht. Also ich kann mich verteidigen. Ich kann zudreschen aber richtig. Das lernt man in den Jahren, du wirst abgebrüht, man lernt es halt.<br />
<strong>Welchen Vorurteilen begegnest du deinem Beruf gegenüber?<br />
</strong>Vorurteile? Wie meinst du das?<br />
<strong>Z.B. wenn dich Passanten auf dem Straßenstrich als Schlampe bezeichnen.<br />
</strong>Die Leute die gucken und machen das vielleicht mit jeder Frau so. Das sind die Arschlöcher, die zu hause bei der Ehefrau genauso sind. Die meisten haben Respekt. Das ist gegenseitiger Respekt. Es gibt auch Gäste, die verliebt in dich sind, die wirst du gar nicht mehr los.<br />
<strong>Wie gehst du mit denen um?<br />
</strong>Entweder ich sage, dass ich keinen Freund brauche. Die sagen dann: “Ach, wir können es doch trotzdem mal probieren, wir können doch mal essen gehen.” Ich war auch schon mit Leute essen, da bricht mir auch keiner aus der Krone. Aber wenn sie dann wirklich zu aufdringlich werden, inkl. Anrufen und SMS schreiben, dann habe ich einen guten Freund. Wenn dann jemand täglich anklingelt, dann lasse ich ihn ran gehen. Und wenn sie dann eine Männerstimme am Telefon hören, dann hören sie auf, denn das könnt der Ehemann sein.<br />
<strong>Wie reagieren deine Nachbarn auf dich?<br />
</strong>Für die, die das von mir wissen, bin ich ein Mensch wie jeder andere, weil ich eben so eine lockere Art habe. Andere Prostituierte denken immer, sie wären etwas feineres. Die haben sich dann und tun, das mache ich nicht. Ich bin ganz normal. Wenn ich aus der Tür gehe, sieht mir das niemand an. Gut, ich bin immer geschminkt, gehe gar nicht ungeschminkt aus dem Haus, ziehe mich etwas auffallend an, aber nicht so, dass die Titten unten hängen oder mit Minirock. Das war früher, als wir noch jung waren. Jetzt nicht. <em>[lacht]</em><br />
<strong>Hast du dich schon einmal in einen Freier verliebt?<br />
</strong><em>[sentimental]</em> Ja.<br />
<strong>Wie war das?<br />
</strong>Daraus gelernt. <em>[lacht]</em> Die lacht gleich <em>[zur Freundin]</em>. Da hatte ich den großen Laden. Da hatte ich den Freier, der hat den Laden mit aufgebaut und da hatte ich Vertrauen. Ich habe alles aus der Hand gegeben, wie z.B. Banksachen, Vollmachten, dass er übers Konto verwalten konnte. Nach fünf Jahren war das Konto leer und alles weg.<br />
<strong>Ihr wart zusammen?<br />
</strong>Wir waren zusammen und da kam ich in meine Wohnung und da waren die Möbel weg, sogar die Lampe war ab. Da dachte ich mir, was ist jetzt los? Und dann auf der Bank war das Geld weg. <em>[lacht]</em> Und da stand ich da mit nichts.<br />
<strong>Was hast du daraus gelernt?<br />
</strong>Da habe ich gelernt, dass das gar keine Liebe war, dass das vielleicht alles gespielt war und er nur mein Geld wollte. Er hat mich dann noch in Schulden rein geboxt. Er sagte immer, er bezahlt die Krankenkasse für die Mädchen, weil die Mädchen alle bei mir angemeldet waren. Und als er dann weg war, vielleicht nach einem Jahr, kamen ein paar Schriftstücke über 16.000 DM Schulden bei der Krankenkasse und ich stand da und hatte kein Geld weiter. Dann gab es wieder eine Gerichtsverhandlung. Der gute liebe Richter sagte: “die Frau Bertsch ist schon genug bestraft, sehen wir davon ab.” Ich hätte auch wegen Zuhälterei aussagen können, weil er war ja dann so etwas wie ein Zuhälter. Aber ich dachte mir, dass er schon irgendwann seine Strafe bekommen wird – man will ja dann auch keinen Ärger – Hauptsache Ruhe. Und jetzt kommt keiner mehr rein, habe ich mir geschworen. Das ist gar nicht schlecht. Dann lieber eine Freundin, also jetzt nicht sexuell, also eine mit der ich weggehe. Aber bei einem Mann, da müsste sonstwas kommen, da müsste es von unten nach oben regnen. Bei mir kommt ersteinmal keiner mehr rein.<br />
<strong>Um zu dem Thema unserer Zeitschrift zu kommen, was ist denn deiner Meinung nach Sexismus?<br />
</strong>Sexismus? hm <em>[schweigt]</em><br />
<strong> Was versteht du darunter?<br />
</strong> puhh, weiß ich jetzt nicht.<br />
<strong>Viele Menschen würden dich als Opfer sexistischer Einstellungen bewerten, oder auch deine Kunden als Produkt einer sexistischen Gesellschaft sehen…<br />
</strong>Ja, ich weiß schon.<br />
<strong>Siehst du das so?</strong><br />
Das würde ich nicht sagen. Nee, würde ich nicht sagen.<br />
<strong>Als Prostituierte oder als Pornodarstellerin vermittelst du ja ein gewisses Frauenbild: immer willig, macht alles mit…<br />
</strong>… Wie gesagt, ich habe ja gesagt, was ich mitmache und was nicht, aber…<br />
<strong>Du als Prostituierte verkörperst doch aber ein Frauenbild, welches so nicht der Realität entspricht…<br />
</strong>…das stimmt schon, aber ich muss ehrlich sagen, wenn ich keine Lust habe, dann habe ich keine Lust, dann mache ich nichts. Dann lege ich auch ganz schnell man nen freien Tag ein – außer wenn jetzt mal ein Stammgast anruft uns sagt: “Mensch ich bin gerade wieder hier in Gera.” Ja, da komme ich auch heim vom einkaufen, weil die Stammkunden sind die Besten, die muss man erhalten. Aber wenn ich zwei Tage mal keine Lust habe, dann sage ich auch nee. Ich meine wenn man als Prostituierte keine Lust hast, dann spüren das auch die Freier. Und dann kommen die vielleicht nicht wieder. Wenn du im Club arbeitest, dann muss du dadurch, dann musst du spielen. Dann ist es scheiß egal, Hauptsache die Kohle kommt. Aber ich bin freischaffend und wenn ich keine Lust habe, dann mache ich es nicht. Aber ich hab das schon durch, dass man da täglich Stunden sitzt und wenn man krank ist, auch wenn man sich gar nicht danach fühlt.<br />
<strong> Trotzdem bleibt bei deinen Freier doch primär das Bild von einer Frau, die immer kann und immer will, zurück. Glaubst du nicht, dass das Auswirkungen auf deren Frauenbild hat?</strong><br />
Ja, ja die sagen immer ich wäre sexgeil, oder was weiß ich. Gut man muss auch schauspielern können. Aber ich muss wirklich sagen, die Leute, die ich kenne, die rufen auch an und fragen, wie es mir geht oder ob ich Lust habe. Das läuft bei mir ein bisschen lockerer.<br />
<strong>Hast du den Eindruck, dass deine Kunden, dann auch mit anderen Frauen anders umgehen?<br />
</strong>Die halten schon die Ehefrau und die Prostituierte auseinander. Sie holen sich ja bei mir, was sie daheim nicht kriegen. Der Mann würde sich ja verraten, wenn er plötzlich von seiner Frau verlangt, was ich ihm gebe, z.B. Französisch. Seine Frau würde ja dann stutzig werden. Eine Frau merkt das ja, wenn der Mann fremd geht. Deshalb muss der Mann da auch vorsichtig sein und das auseinander halten.<br />
<strong>Nehmen wir an ein vierzähnjähriger schaut deine Videos…<br />
</strong>Damit, damit… Ich  muss ehrlich sagen, das ist nicht mein Problem wenn er sie sieht. Bei mir sieht er sie nicht, bei mir kommt er nicht hinein. Wenn er das auf der Straße sieht, sind die Eltern daran Schuld, da mache ich mir keinen Stress. Da müssen sie besser auf ihre Kinder aufpassen, wenn sie solche Filme gucken. Und heute im Internet kann mal ja alles runterholen.<br />
<strong>Denkst du  das verändert etwas im Denken des Jungen?<br />
</strong>Ja, ich denke, gerade bei Unerfahrenen, übt das einen Reiz aus. Es gibt gerade viele junge Leute, die auf solche Kaviarspiele stehen. Und ich unterhalte mich mit denen, frage wieso sie diese Neigungen haben, wie sie dazu kommen. Ich rede offen, danach beim Kaffee. Und die sagen: “hab ich im Pornofilm gesehen und wollte es mal ausprobieren, ist aber doch nicht so mein Ding” oder “Ja, gefällt mir, können wir noch etwas anderes machen.” Es hat schon was mit den Filmen zu tun. Viele wollen Dinge ausprobieren, die gar nicht die Neigung dazu haben.<br />
<strong> Denkst du Pornos sehen oder zu Prostituierten zu gehen ändert die Sexualität von Menschen?<br />
</strong>Nee, zu Hause auf keinen Fall, glaube ich nicht. Denn, das würde die Frau merken.<br />
<strong>Unabhängig von der Frau…<br />
</strong>Weiß ich nicht, er ist doch ein Mann, er kann sich da hinein verdenken. <em>[zu fabik]</em> <em>[lacht]</em><br />
<strong>Du sagst ja z.B, dass du mit deiner Arbeit Vergewaltigungen verhinderst. Vielleicht förderst du aber auch krankhafte Perversionen, indem du Leuten die Möglichkeit gibts, sie aus ihrer Vorstellungswelt in die Realität zu holen…<br />
</strong>…viele wollen doch einfach nur ausprobieren. Es ist doch nicht so, dass der das ausprobiert so ein Sittenstrolch ist. Wer Kinder vergewaltigt, der geht vielleicht wirklich an Kinder heran. Aber manche sehen einfach innerlich so einen Film, die wollen das ausprobieren, die wollen nicht was weiß ich. Und das ist doch gut, dann kommen sie uns. Wenn so ein Mann bei mir ist, für den ich ein kleines Kind spielen muss und ich sehe ihn an, denke ich innerlich: “ich würde dich am liebsten erschlagen”<br />
<strong>Verspürst du Hass?<br />
</strong>Ja, also auf die mit kleinen Kindern was zu tun haben. Ja. Ich meine, ich mache jeden Mist mit, wenn er auf Qualen steht, dann ist das sein Körper, dann muss er damit durch. Aber wenns um kleine Kinder geht, wenn er sagt: “ich stehe auf kleine Kinder”, dann möchte ich…<br />
<strong>Das passiert, dass dir das Männer so ehrlich sagen?<br />
</strong>Ja.<br />
<strong>Redest du mit denen darüber?<br />
</strong>Ich muss mal eines sagen. Mich hat mal jemand in einer Gaststätte angesprochen, ob ich – weil ich in dem Job bin – an kleine Mädels und Jungs herankomme. Da bin ich stutzig geworden. Da war ich mit einem Kumpel, einem schwulen Kumpel, mein guter Freund. Da sagte er “Naja, du bist doch im Gewerbe, da muss es doch ein kleine Mädels und Jungs geben.” So zwischen zehn und zwölf sollten sie sein, er zahle auch gut. Da fragte ich ihn, was er zahlt. “Einen Tausender gibts da schon.” “Da hätte ich was”, sagte ich da. Und da hab ich gesagt: “das schreibst du mir mal auf einen Bierdeckel und unterschreibst das auch.” “Wie alt soll das Mädel sein, wie alt soll der Junge sein, damit ich auch eine Rechtslage habe, damit ich das Geld dann bekomme.” Und der Mann hat das gemacht…<br />
<strong>Und dann bist du zur Polizei gegangen?<br />
</strong>Nee, die habe ich angerufen. Den hab ich nicht mehr aus der Kneipe gelassen. Und weil die ewig nicht kamen, hab ich gesagt: “Wenn ihr nicht sofort hier antanzt, garantiere ich für nichts”. Und die haben ihn dann mitgenommen.<br />
<strong>Warst du stolz auf dich?<br />
</strong>Ja. Ja. Bei so etwas ja. Weil so etwas muss weg, so etwas muss bestraft werden. Die sind dann auch in seine Wohnung rein und haben dort Kinderpornographie gefunden, das wurde richtig groß aufgewirbelt. Ich brauchte auch nicht zur Gerichtsverhandlung, ich hatte dann einen anwaltlichen Vertreter. Eine Prostituierte muss nicht unbedingt zur Verhandlung. Das nahm dann seinen Lauf. Die Polizei war froh und hat sich bedankt.<br />
<strong>Was würdest du machen, wenn du hier Verdachtsfälle hast?<br />
</strong>Würde ich sofort handeln. Wenn jetzt wieder so einer käme… Ich hab das ja richtig abgesichert mit der Handschrift auf dem Bierdeckel. Da hab ich gesagt: “schreib mal hin, wie alt das Mädel sein muss.” Da schreibt der hin: “Mädchen acht-zehn Jahre, Junge 12-14 Jahre.” Und den Preis und die Unterschrift hab ich ihn noch hinschreiben lassen. Hat er gemacht, der Idiot, war selbst daran Schuld, musste weg.<br />
<strong>Weißt du was er bekommen hat?<br />
</strong>Ich habe etwas von acht Jahren gehört, aber auch über Ecken. Ich kann nun keinen Namen sagen, aber es war ein Bekannter. Er hatte eine hohe Position hier in Gera.<strong><br />
Meinst du das solche Leute dir gegenüber offener sind?</strong><br />
Der war offen. Es gibt sicherlich welche, die sind offener, andere sind es nicht.<br />
<strong>Kannst du etwas zur Prostitutionsszene im Allgemeinen erzählen?<br />
</strong>Wie gesagt, ich habe Freunde in der Szene. Aber nur in Gera, in Chemnitz kenne ich noch ein paar, aber sonst kümmer ich mich nicht groß um die Leute. Manche haben Konkurrenzkämpfe. Aber ich sage immer, Konkurrenz belebt das Geschäft und umso mehr in der Ecke sind, umso besser kommen die Leute ran. Ist da nicht der Typ dabei, kommen sie zur nächsten Ecke. Und das Beste überlebt, da bleiben sie hängen.<br />
<strong>Kennst du Fälle von Zwangsprostitution?<br />
</strong>Ja früher gabs das.<br />
<strong>Auch hier in Gera?<br />
</strong>Ja, das waren aber westdeutsche Zuhälter. Das war in dem Club in dem ich nach der Straße gearbeitet habe. Die hatten Polen und Tschechen, haben denen die Pässe weggenommen – so war das damals.  Ich hatte da ja auch Freundinnen und die Mädels halten sowieso zusammen. Ich war da die Deutsche und der Chef hatte ein bisschen Vertrauen zu mir. Und als er mal herüber in seine Heimatstadt gefahren ist, habe ich den Ausländern die Pässe gegeben und hab sie wieder frei gelassen, dass sie abhauen konnten. Und als er wieder kam, da war der Laden leer und ich saß alleine da. Da gab es etwas Ärger mit mir. Deswegen bin ich dann auch abgehauen nach Halle.<br />
<strong>Würdest du zu einer männlichen Prostituierten, bzw. als Mann zu einer Prostituierten gehen?<br />
</strong>Klar, wenn es zuhause nicht hinhaut, warum nicht. Ich hab selber schon einen Prostituierten bezahlt. Ich wollte mal wissen, wie es ist. Den hab ich damals auf Annonce angerufen, hab ihn herbestellt, mein Mann sei auf Dienstreise, ich sei allein. Da hab ich mich verwöhnen lassen, hab noch meine Späßchen gemacht: “Denk dran, ich steh auf lecken, ich will kommen, sonst zahle ich nichts für die halbe Stunde.” Er gab mir dann noch die Abspritzgarantie. Und da sagte ich: “Weißt du was, du kannst lange lecken. Weiß du was, ich bin selber ne Hure.” Wir haben noch telefoniert öfters, wir haben noch gelacht. War ganz lustig.<br />
<strong>Welches Gefühl hattest du dabei?<br />
</strong>Ich wollte auch einfach mal wissen, wie es ist, zu einem Prostituierten zu gehen. Ich fand das gut. Und der hat sich Mühe gegeben und ich habe innerlich gelacht. Ich dachte, der müsste die ganze Nacht mehren, ehe ich zum Höhepunkt kommen. <em>[lacht]</em><br />
<strong>Du kannst das vollständig kontrollieren?<br />
</strong>Ja. Wenn ich nicht will, will ich nicht.<br />
<strong>Kommst du manchmal wenn du mit deinen Kunden schläfst?<br />
</strong>Ja, wenn er mir gefällt. Sag ich ehrlich. Aber größtenteils… Schauspielern, viel Schauspielern. Und du musst denen immer das Gefühl geben, dass er gut war.<br />
<strong>Wieviele sind gut?<br />
</strong>Von Hundert vielleicht zwei. Für mich. Es ist natürlich auch eine Typsache. Es geht bei mir auch viel übers Aussehen. Wenn ich etwas empfinden soll, muss alles stimmen.<br />
<strong>Nach deinen vielen Erfahungen, hast du wahrscheinlich auch höhere Ansprüche.<br />
</strong>Ja, im Prinzip ja. Als Prostituierte will man ja auch mal was erleben.<br />
<strong>Nochmal zurück zur öffentlichen Wahrnehmung. Ich hab die so verstanden, dass Zwangsprostitution eher die Ausnahme ist, die meisten machen es freiwillig…<br />
</strong>…Ja. Man hört nichts mehr groß. Aber da bin ich auch ein zu kleines Licht, ich komme nicht mehr in die Läden hinein. Ich treffe mich mit Prostituierten in der Stadt zu Kaffee aber ich setze mich nicht mit in einen Laden rein und verfolge alles was abläuft.<br />
<strong>Die öffentliche Wahrnehmung von Prostitution ist verknüpft mit Begriffen wie Menschenhandel, Drogenhandel, Zwangsprostitution…<br />
</strong>Das war früher, aber jetzt nicht mehr. Bei euch in Jena wird das noch so sein.<br />
<strong>Was denkst du, warum, obwohl sich die Realität, deiner Meinung nach geändert hat, die öffentliche Wahrnehmung immer noch die gleiche ist?<br />
</strong>Uff.<br />
<strong>Warum blicken die meisten Menschen auf Prostiuierte hinab?<br />
</strong>Die verachten uns einfach. Die Frauen verachten uns, weil sie uns hassen, weil Männer zu uns gehen. Da steckt der schlechte Ruf noch drin.<br />
<strong>Woher kommt der schlechte Ruf?<br />
</strong>Früher war das so. Früher waren doch Prostituierte das Schlimmste was es gab. <em>[vergewissert sich bei ihrer Freundin]</em> “Alles lassen sie drauf, das sind doch Schlampen.” Aber, dass wir Prostituierten sauberer sind, als manche Ehefrau… Zeig mir die Ehefrau, die ständig ein Kondom bei sich hat. Es gibt Frauen, die in den Betrieben, in den Krankenhäusern… Gerade die Krankenschwestern, die vögeln doch quer durch die Betten. So ist das wirklich. Nur weil wir Geld verlangen, sind wir die Schlimmen. Wir sind mehr unter ärztlicher Kontrolle, als manch anderer auf der Straße.<br />
<strong>Warum finden es Menschen unmoralisch für Sex Geld zu nehmen?<br />
</strong>Im Prinzip ist jede Frauen eine Prostituierte. Die eine geht zur Disco und lässt sich ein Getränk ausgeben und anschließend mit dem schlafen. Die vögelt für ein Glas Cola oder ein Glas Sekt. Die sind billiger als wir.  Außer du mein Hasi. <em>[Zur Freundin, beide kichern]</em> Selbst die Ehefrau ist eine Prostituierte, die will sich was Schönes zum anziehen kaufen oder einen teuren Lippenstift. Was macht sie? Sie schmeichelt ihren Mann ein, macht mal schön Sex, lecker, lecki und früh kriegt ihr Geld.<br />
<strong> Trotzdem haben ja nicht nur Frauen ein schlechtes Bild von Prostituierten…<br />
</strong>Aber das sind dann die Männer, die selbst in solche Läden gehen. Wenn ein Mann so schlecht über uns redet, hat er entweder wirklich mal Scheiße erlebt, dass eine Frau mit ihm die schnelle Mark machen wollte. Oder um sich vor seiner Frau reinwaschen zu wollen. Dabei hängen sie jede Woche bei irgendeiner herum.<br />
<strong>Hast du den Eindruck, die öffentliche Wahrnehumg hat sich geändert? Wirst du heute eher respketiert als früher?</strong><br />
Den Respekt muss man sich verschaffen. Bei den Behörden, denke ich schon, dass wir respektiert werden. Aber es werden uns trotzdem noch viele Steine in den Weg gelegt. Die können jetzt auch nicht mehr anders, weil es jetzt eben offiziell anerkannt wird. Aber wenn es anerkannt wäre, stünde offiziell auf meinem Gewerbeschein Prostituierte.<br />
<strong>Wünschst du dir das?</strong><br />
Ja. Ja. Es ist Arbeit wie jede andere. Wie gesagt, jede Frau ist prostituiert und jeder Mann genauso. Würdest du doch auch so machen <em>[zu Caro]</em>.  Wenn du einen Freund hast, brauchst ein bisschen Geld, machst dir mit ihm einen schönen Abend. Du wirst dich ja kaum mit dem Mann streiten.<br />
<strong> Aber es bleibt doch trotzdem ein Unterschied zwischen lieb zum Partner sein oder ob man mit irgendjemand, den man nicht kennt, schläft.</strong><br />
Wenn du etwas haben willst, dann geht dir doch auch im Kopf herum, ich will etwas haben und deshalb schläfst du mit ihm und nicht aus Liebe in dem Moment. Wenn man aus Liebe ins Bett geht, dann ergibt sich sicherlich was. Aber wenn du etwas haben willst, dann schläfst du auch mit ihm, auch wenn du keinen Bock hast. So ist es, ich muss leben.<br />
<strong> Es macht für dich keinen Unterschied ob du die Männer kennst oder nicht?</strong><br />
Nee, ich lerne sie doch hier kennen.<br />
<strong>Bei der Recherche hab ich festgestellt, dass es sehr viele Prostituierte zwischen 40 und 50 gibt. Teilst du die Wahrnehmung?<br />
</strong>Ja, das ist die alte Schule, wir haben alle mal jung angefangen. Das sind die Rester die übrig geblieben sind. Ich kennen viele Gäste, die haben vor jungen hübschen Frauen Angst, weil sie denken die versagen beim Sex. Die gehen lieber zu einem mütterlichen Typ. Die Älteren haben mehr zu tun als die Jungen. Junge sind eher ein Leckerli, aber dann kommen sie doch wieder zu der Alten.<br />
<strong> Sehnen sich viele Kunden nach einem Mutterersatz, bei denen es weniger um Sex geht, sondern sich vielleicht an den Busen zu lehnen, sich streicheln, sich gut zureden lassen?<br />
</strong>Viele kommen, die bezahlen nur fürs sitzen, wollen nur reden, oder gehen mal mit mir einen Wein trinken oder mal essen. Die versuchen dann auch etwas aufzubauen in der Hoffnung, sie müssten dann nicht mehr bezahlen, aber das gibts bei mir nicht.<br />
<strong>Du wirbst in Annoncen mit Ramona Extreme- das klingt schon sehr nach Domina.<br />
</strong>Ich hab zwei Annoncen. Die andere ist “Hausfrau auf Abwegen”. Die wechseln sich 14-tägig. Hausfrau auf Abwegen ist das zärtliche.<br />
<strong> Worauf reagieren mehr?</strong><br />
Das zärtliche.<br />
<strong>Unterscheiden sich auch die Kunden je nach Annonce.<br />
</strong>Nee, das kann man nicht sagen. Arme Leute, die nicht so viel Geld haben, können sie nur das eine leisten. Die Jugend ist schön wild, die wollen die halbe oder dreiviertel Stunde ausleben. Die Opis sind liebebedürftig. Aber da passiert sexuell auch nicht mehr viel. Die wollen ein bisschen streicheln, bisschen kuscheln. Ich gebe denen die Titten aufs Gesicht, da freuen die sich und man hat seine Ruhe. Oder eine Rückenmassage, bisschen Grabbeln, da sind die zufrieden.</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch!</strong></p>
<p><em>für UNIQUE</em><strong><br />
</strong></p>
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		<title>&#8220;Widerstand ist eine moralische Verpflichtung&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Aug 2009 13:23:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>fabik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschriebenes]]></category>

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		<description><![CDATA[Der palästinensische Journalist Khalid Amayreh im Gespräch.
Khalid Amayreh wurde 1957 in Hebron geboren. Weil israelische Truppen seine Familie 1948 enteignet und ihre Wohnhäuser abgerissen hatten, lebte er mit ihr – wie viele andere Familien – jahrelang in Zelten und Höhlen in den Hügeln südlich von Hebron. Mit 14 arbeitete er in  Israel als Bauarbeiter und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der palästinensische Journalist Khalid Amayreh im Gespräch.</p>
<p><em>Khalid Amayreh wurde 1957 in Hebron geboren. Weil israelische Truppen seine Familie 1948 enteignet und ihre Wohnhäuser abgerissen hatten, lebte er mit ihr – wie viele andere Familien – jahrelang in Zelten und Höhlen in den Hügeln südlich von Hebron. Mit 14 arbeitete er in  Israel als Bauarbeiter und lernte dort Hebräisch. Nachdem er 1974 während einer Demonstration gegen die israelische Besatzung von Soldaten fast totgeschlagen worden wäre, emigrierte er zwei Jahre später in die USA, studierte dort Journalismus und kehrte 1983 nach Palästina zurück. Dort begann er seine journalistische Karriere. Als Korrespondent und freischaffender Journalist arbeitete er u.a. für die staatliche iranische Nachrichtenagentur „IRNA“, die Kairoer Wochenzeitung „Al-Ahram“, die „Palestinian Times“ und „Al-Jazeera“ und schreibt heute für das Hamas-nahe „Palestinian Information Center“. Aufgrund seiner offenen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und der Politik der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) steht er seit den Anfangsjahren seiner Karriere unter Beobachtung des israelischen Geheimdienstes, wurde mehrmals inhaftiert und stand jahrelang unter Hausarrest.  Aufsehen erregte zuletzt seine Verhaftung im Januar 2009, nachdem er der PA in einem Fernsehinterview vorgeworfen hatte, Demonstrationen in der Westbank aus Verpflichtung gegenüber Israel zu verbieten und die PA als „Dienerin Israels“ bezeichnet hatte. Erst nach massiven medialen Protesten wurde er wieder freigelassen. Amayreh lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Dura und schreibt an seinem vierten Buch „Leben unter der israelischen Besatzung“.</em></p>
<p><strong>Soweit Sie das einschätzen können, wo sieht die Hamas die Ursachen des Nahostkonflikts?</strong><br />
Amayreh: Ich kann nicht in Anspruch nehmen, die Hamas zu repräsentieren. Als normaler Palästinenser glaube ich aber, dass die Kernursache für den Konflikt im Nahen Osten das Einpflanzen Israels in Palästina durch den Westen ist – einem seit dem 7. Jahrhundert arabischen Land. Der Westen hat einfach die Rechte eines Volkes über die eines anderen gesetzt. Faktisch hat dies zur Zerstörung der palästinensischen Gemeinschaft, zur Vertreibung und Zerstreuung eines Hauptteils des palästinensischen Volkes in die vier Himmelsrichtungen geführt. Natürlich kamen die europäischen Juden, die unter der Verfolgung europäischer Staaten litten, nicht mit dem Motto „Leben und leben lassen“ nach Palästina, sondern um die indigene muslimische und christliche Bevölkerung zu verdrängen und zu ersetzen. Sie wollten ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Sie wollten dem Zionismus, einer rassistischen Bewegung im Stile der faschistischen Ideologien Europas nach dem 18. Jahrhundert, gerecht werden. Palästina war seit jeher bevölkert, und die Zionisten wussten dies von Anfang an.</p>
<p><img class="alignnone" src="http://www.ism-germany.net/fabik/bilder/hamasgross.jpg" alt="" width="430" height="268" /></p>
<p><strong>Können Sie uns in drei Punkten konkret sagen, wie die Hamas den Konflikt im Nahen Osten lösen möchte?</strong><br />
Allein aus religiösen und moralischen Gründen kann und wird Hamas die Legitimität Israels niemals anerkennen. Letzten Endes wurde der israelische Staat auf Kosten des palästinensischen Volkes errichtet – ohne die ethnischen Säuberungen, die Massaker und die zügellosen Zerstörungen palästinensischer Bevölkerungszentren nach 1948 wäre das nicht möglich gewesen. Kurz gesagt: Um einen Frieden zu erreichen, muss der Zionismus als eine von Natur aus rassistische, segregierende und trennenden Struktur abgelehnt werden. Aus dieser Perspektive glaube ich, dass die Hamas weder eine werte- noch menschenverneinende Bewegung ist. Hamas könnte einen Staat im ganzen Palästina-Israel akzeptieren, in dem alle Bürger ungeachtet ihrer Religion und Rasse gleich behandelt werden würden. Dies wäre die ultimative Lösung des arabisch-israelischen Konfliktes. Bevor so ein Staat errichtet werden könnte, müsste natürlich jedes gestohlene und beschlagnahmte Eigentum und jedes konfiszierte Land an seine rechtmäßigen Bewohner zurückgegeben werden. Flüchtlinge müssten in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Einfach gesagt, die universalen Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichheit und menschlicher Würde müssten Anwendung finden.</p>
<p><strong>Was würde es für die Juden in Tel Aviv, Elat usw. bedeuten, wenn die Hamas das ganze historische Palästina – also inklusive des Gebietes Israels – unter ihre Kontrolle bringen würde?</strong><br />
Das ist eine rein hypothetische Frage! Natürlich ist die Hamas viel zu schwach, um ein atomares Israel, das teilweise auch noch die amerikanische Regierung kontrolliert, zu besiegen. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Juden ausgesprochen human behandelt werden würden. So ist der Islam. Hamas hat kein Problem mit Juden als Juden. Wir Palästinenser sind gegen den Zionismus, nicht gegen Juden oder das Judentum. Viele Juden unterstützen die palästinensische Sache, und wir bewundern diese gewissenhaften Menschen für ihre moralische Standhaftigkeit.</p>
<p><strong>Nun verweisen aber selbst viele Palästinenser auf die islamistische Ausrichtung der Hamas und befürchten, sie würde einen „Gottesstaat“ ausrufen, in dem eben nicht alle Konfessionen gleiche Rechte haben und persönliche Freiheiten eingeschränkt werden würden …</strong><br />
Solche Ängste sind entweder das Ergebnis von Feindseligkeit gegenüber der Hamas oder das Ergebnis von Ignoranz. Im Allgemeinen erlaubt der Islam keine Diskriminierung von Nicht-Muslimen. Ich glaube, ein islamischer Staat ist besser dafür geeignet, wahre soziale und wirtschaftliche Gleichheit zu fördern als sogenannte demokratische Staaten. Im Westen sind die Stimmungen, Launen und Empfindungen der Masse der ultimative Schiedsrichter. Im Islam ist es die Sharia. Wenn im Westen z.B. die einfache Mehrheit des Parlaments dafür stimmt, ein bestimmtes Land anzugreifen und zu zerstören, wird das so gemacht – ungeachtet der menschlichen und moralischen Konsequenzen. Als die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright nach den Hunderttausenden Toten infolge der UN-Sanktionen in den 1990er-Jahren gefragt wurde, sagte sie einfach und fröhlich: „Wenn es amerikanischen Interessen diente, war es die Sache wert.“ Westliche Demokratien haben kaum eine moralische Decke, da das Volk der Souverän ist und Moralität eine Variable, keine Konstante ist. Im Islam ist das nicht so. Deshalb denke ich, dass eine wahre islamische Regierung in Palästina oder irgendeinem anderen Land die menschlichen und religiösen Rechten all seiner Bürger wirklich gleich und respektvoll behandeln würde. Ich sage das, weil ein islamischer Staat nicht wirklich ein religiöser, theologischer oder engstirniger Staat wäre. Er wäre vielmehr ein bürgerlicher Staat mit moralischer Decke. Im Islam werden Bürger als Bürger behandelt, ungeachtet ihrer konfessionellen Zugehörigkeiten.</p>
<p><strong>Die Verfasser der Hamas-Charta sahen dies anscheinend etwas anders. Dort werden Juden für so ziemlich alle größeren Verbrechen in der jüngeren Geschichte verantwortlich gemacht: Sie seien verantwortlich für beide Weltkriege, kontrollierten alle imperialistischen Staaten – und die Vereinten Nationen obendrein!</strong><br />
Die Hamas-Charta sollte als religiös-theologisches Dokument und nicht als politische Plattform verstanden werden. Die Hamas hat dies begriffen und sich immer weiter von ihr abgewandt. Die Charta ist heute vollkommen anachronistisch. Seit zehn Jahren habe ich keinen Hamas-Führer auch nur zur Charta Bezug nehmen gehört. Meiner Meinung nach sollte sie als historisches Dokument mit geringer Relevanz behandelt werden. Tatsächlich ist es ratsam, dass ehrliche Leute davon Abstand nehmen, die Charta im politischen Denken der Hamas als etwas von großem Gewicht zu behandeln. Andererseits: Wenn Hamas konstant für seine Charta verdammt wird, könnte sie und andere Muslime sich auch einfach über jüdische Dokumente wie „Chresronot Shas“, „ha’Tanya“ oder die Ideologien jüdischer Parteien beschweren, die offen zur Vertreibung, Versklavung oder Vernichtung von Nicht-Juden in Israel-Palästina aufrufen, beschweren.<br />
<strong><br />
Trotz allem bleibt ihre Charta die Achillesferse der Hamas. Warum ändert sie sie nicht einfach, so wie sie es im Jahre 2006 vorhatte?</strong><br />
Ich denke, dass Israel die Charta als Ablenkungsmanöver benutzt, als willkommene Entschuldigung, die Besatzung aufrecht erhalten zu können. Die PLO hatte eine ähnliche Charta, die sie für ungültig erklärte. Doch anstatt sich den palästinensischen Rechten anzunehmen, reagierte Israel auf die neue PLO-Charta mit dem Ausbau jüdischer Siedlungen und der Reduzierung palästinensischer Städte und Dörfer zu Freiluft-Internierungslagern. 2007 beschrieb der deutsche Bischof Gregor Hanke Ramallah mit den folgenden Worten: „Heute Morgen sahen wir Bilder des Warschauer Ghettos in Yad Vashem und heute Abend gehen wir ins Ghetto Ramallah.“ Wie gesagt: Die Charta ist anachronistisch und in weiten Teilen irrelevant, sie sollte im Kontext der Gründungsjahre der Hamas und der politischen Situation ihrer Entstehungszeit verstanden werden. Ich glaube, Hamas ist mittlerweile sehr viel reifer. Warum sie sie nicht ändern? Sie wollen Israel keine kostenlosen Konzessionen machen, wie es Fatah wenig fruchtlos getan hat.</p>
<p><strong>Können Sie trotzdem verstehen, warum die Hamas besonders in Deutschland nicht gerade das beste Image hat, wenn Leute solche Dinge lesen?</strong><br />
Deutschland taumelt unter dem schweren Erbe des Holocausts. Seine Einstellung gegenüber der Hamas ergibt sich v.a. aus dieser Bürde und nicht aus einer objektiven Beurteilung der Lage in Palästina. Die deutsche Regierung bevorzugt es, Israel und den Juden in aller Welt Gefallen zu tun und sie zu beschwichtigen, anstatt den moralischen Standards ihres Volkes zu folgen – welche auch immer das sein mögen. Deshalb kann die deutsche Nahostpolitik als fast vollkommen unmoralisch und unethisch beschrieben werden. Als Nachfolger des Dritten Reichs muss Deutschland Israel unterstützen – egal, ob richtig oder falsch! Und deutsche Politiker sind politisch und moralisch zu unsicher, um der zionistisch-jüdischen Umklammerung der deutschen Politik entgegenzutreten. Genauso verhält es sich beim palästinensisch-israelischen Konflikt.</p>
<p><strong>Neben der Regierung Deutschlands betrachten auch die EU und die USA die Hamas als Terrororganisation …</strong><br />
Wenn die Hamas aus Terroristen besteht, weil sie israelische Zivilisten tötet, dann müsste das für Israel, das wissend und vorsätzlich weit mehr palästinensische Zivilisten tötet, tausendmal mehr gelten. Die israelische Besatzung Palästinas ist ein Vergewaltigungsakt, und gemäß unseren irdischen und den himmlischen Gesetzen hat ein Vergewaltigungsopfer das Recht – ja gar die Pflicht! – Widerstand zu leisten. Israel an sich ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Somit ist Widerstand gegen dieses kolossale Verbrechen eine moralische Verpflichtung für alle gewissenvollen Menschen. Aber ja, die Hamas hat Dinge gemacht, die nicht hätten geschehen dürfen. Ich bin absolut dagegen, unschuldige Menschen zu töten. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass Israel letztendlich verantwortlich für alle Opfer dieses Konfliktes ist – palästinensische wie israelische.</p>
<p><strong>Die Menschen in Sderot sehen das wahrscheinlich anders …</strong><br />
Ein anglo-amerikanischer Poet [W.H. Auden; Anm. d. Red.] sagte: „I and the public know; what all school children learn, those to whom evil is done, do evil in return.” Also ja, manchmal sind die Opfer gezwungen, sich falsch zu verhalten. Aber letztendlich ist Israel verantwortlich dafür, dass die Opfer damit anfangen. Es ist die schändliche Militärbesatzung, die den Widerstand hervorbringt. Und es ist sehr, sehr schwer, die Wirkung zu entfernen, während die Ursache intakt bleibt.</p>
<p><strong>Auf der anderen Seite warfen viele Palästinenser der Hamas während des jüngsten Gazakriegs Tatenlosigkeit vor. Sie schütze die eigene Bevölkerung nicht ausreichend. Auch in der Westbank ging von der Hamas seit 2003 kaum eine bewaffnete Aktion aus. Wo bleibt der viel gepriesene Widerstand der Hamas gegen die Besatzung?</strong><br />
Diese Propaganda wird häufig von Fatah verbreitet – mit dem Ziel, Hamas zu diskreditieren und herabzuwürdigen. Nichtsdestoweniger wird Hamas dem wütenden israelischen Bullen nicht allein mit physischer Kraft entgegentreten können. Sie würde zerschmettert werden. Die alten Römer sagten: „Könnte der Bulle den Menschen verstehen, würde er nicht mit ihm ringen.“ Gäbe es eine Konfrontation zwischen einer Atommacht wie Israel und einer kleinen, leicht bewaffneten Miliz – die Miliz würde am Ende des Tages erfolgreich sein, wenn sie es schafft zu überleben. Und das hat Hamas geschafft.<br />
<strong><br />
Letztendlich bleiben es trotzdem die willkürlichen Raketenangriffe auf israelische Zivilisten, mit denen die Hamas von sich reden macht – ohne dass die „palästinensische Sache“ irgendeinen Vorteil daraus ziehen würde. Bietet man der israelischen Seite so nicht erst recht einen Vorwand, sich jeglichen Verhandlungen zu verwehren und militärische Aktionen zu legitimieren?</strong><br />
Mit ihrer kleinen Miliz stellt die Hamas für Israel keine strategische Gefahr dar. Sie auf eine Stufe mit der israelischen Armee zu stellen, ist dumm und unehrlich. Es wäre ungefähr so, als setzte man jüdische Widerstandskämpfer mit der deutschen Wehrmacht, der SS und der Gestapo im Dritten Reich gleich. Die wahllosen Raketenangriffe sollten als verzweifelte Antwort auf die nazihafte Blockade, welche Israel über Gaza verhängt hat, verstanden werden. Und die Situation kann wirklich mit der Nazi-Belagerung des Warschauer Ghettos verglichen werden. Letztendlich sprechen wir über eine Bevölkerung von Gefangenen. In der Hoffnung, sie werde sich irgendwann gegen ihre demokratisch gewählte Regierung erheben, versucht Israel, ihr die Luft abzuschneiden und sie zu demoralisieren. Nebenbei: Diese angeblichen Raketen sind überwiegend hausgemachte Projektile mit geringer Wirkung. 8.000 dieser sogenannten Raketen töteten zwölf Israelis. Vergleichen Sie dies mit einem F16-Bomber-Angriff auf eine Schule in Gaza im Januar, welcher Dutzende unschuldiger Menschen umbrachte – und Sie werden die enorme Asymmetrie verstehen. Außerdem hat die Hamas wiederholt gefordert, beide Seiten mögen davon absehen, Zivilisten anzugreifen. Doch Israel, welches Tausende palästinensische Zivilisten tötete, hat sich dem beständig verweigert.</p>
<p><strong>Im Jahre 1987 löste der Tod von vier Palästinensern noch jahrelange Unruhen und landesweite Generalstreiks aus – die erste Intifada. Vor drei Monaten tötete die israelische Armee in wenigen Wochen über 1.400 Palästinenser, doch die palästinensische Bevölkerung blieb bis auf wenige Demonstrationen still. Ist die palästinensische Gesellschaft nicht generell widerstandsmüde geworden, müde für ein Ziel zu töten und zu sterben, das immer unerreichbarer wird?</strong><br />
In der Westbank haben Israel und die Vereinigten Staaten einen palästinensischen Polizeistaat ohne Staat errichtet. Die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) setzen maßlose Gewalt ein, um Pro-Hamas-Demonstrationen zu verhindern oder zu kontrollieren. Menschen werden verhaftet und misshandelt, weil sie ihre Unterstützung für die Hamas kundtun. Ich selbst wurde für einige Tage verhaftet, lediglich weil ich im Fernsehen sagte, die PA erlaube keine Proteste in der Westbank, um Israel zu beruhigen. Deshalb spiegelt der Mangel an massiven Protesten gegen Israel und für die Hamas in der Westbank weniger einen Mangel an Unterstützung für die Hamas wider, sondern ist Ausruck der Unterdrückung durch der PA. Tatsächlich stieg Hamas’ Beliebtheit in der Westbank nach dem israelischen Krieg in Gaza dramatisch an. Es ist aber wahr, dass die Entfachung einer Intifada in der Westbank momentan schwieriger wäre, da die Protestierenden sowohl den israelischen als auch den palästinensischen Sicherheitskräften entgegentreten müssten.</p>
<p><strong>Sie sprachen die innerpalästinensischen Konflikte gerade an. Manchmal scheint es, als sei momentan nicht Israel, sondern die Fatah der größte Feind der Hamas. Es gibt regelmäßig Massenverhaftungen, Abbas’ Sicherheitskräfte gehen massiv gegen Hamas-nahe Wohlfahrtseinrichtungen vor. Was denken Sie über Palästinenser, die sagen, die nächste Intifada müsste sich zuerst gegen Fatah und die PA richten?</strong><br />
Die Fatah ist nicht monolithisch. Ich denke, bis zu 80 Prozent ihrer Anhänger sind patriotische Palästinenser, die mehr oder weniger derselben politischen Einstellung wie die Hamas folgen. Trotz allem haben diese Menschen recht wenig zu sagen, und Fatah ist nicht demokratisch. Aus Angst, die korrupte und unpopuläre PLO-Führung könnte abgewählt werden, schafft es die Fatah z.B. seit 20 Jahren nicht, ihre sechste Generalversammlung abzuhalten. Das wirkliche Problem besteht aber nicht zwischen Fatah und Hamas, sondern eher zwischen den amerikanisch-unterstützten und von Israel beschützten Quislingen [der Name des norwegischen Faschisten Vidkun Quisling wurde aufgrund dessen Anbiederungsversuchen den Nazis gegenüber zum Synonym für Kollaborateure und Landesverräter; Anm. d. Red.], also den palästinensischen Judenräten einerseits, und dem Rest des palästinensischen Volkes andererseits.</p>
<p><strong>Neben einigen gewaltsamen Aktionen scheint die Hamas in Kairo, Washington, Brüssel oder Tel Aviv in letzter Zeit verstärkt nach Gesprächspartnern zu suchen, um sich so als legitimen Verhandlungspartner zu profilieren. Anderseits lehnte sie bisher den gesamten israelisch-palästinensischen Verhandlungsprozess von Madrid über Oslo bis hin zu Annapolis ab. Macht sie das nicht unglaubwürdig?</strong><br />
OK, den Dialog und gegenseitiges Verständnis mit anderen anzustreben, ist zuerst eine Verteidigung, nicht eine Anklage der Hamas. Die Hamas kümmert sich sehr wohl um die palästinensische Einheit, meint die Versöhnungsbemühungen mit der Fatah ehrlich und nimmt sie sehr ernst. Trotzdem wird und kann die Hamas nicht den bankrotten Weg des Oslo-Prozesses einschlagen. Die PA ging diesen Weg seit 1993. Die Ergebnisse sind mehr jüdische Siedlungen, ein judaisiertes Ostjerusalem, mehr Apartheid und mehr nazihafte Massaker an palästinensischen Zivilisten, wie wir es erst kürzlich in Gaza mit ansehen mussten.</p>
<p><strong>Trotz aller Bemühungen weigern sich Israel und das sogenannte Nahost-Quartett aber bis heute, Gespräche mit der Hamas zu führen, u.a. weil diese das Existenzrecht Israels nicht anerkennt. Was hält die Hamas davon ab?</strong><br />
Das Konzept eines staatlichen Existenzrechts besteht im Völkerrecht nicht. Staaten existieren – das ist alles! Erkennt Deutschland z.B. das Existenzrecht Myanmars an? Ist solch eine Klausel irgendwo niedergeschrieben? Darüber hinaus, warum sollte die Hamas Israel anerkennen, wenn Israel nicht das Recht eines palästinensischen Staates anerkennt? Würde Deutschland einen Staat anerkennen, der Deutschland nicht anerkennt? Abgesehen davon, welches Israel würde die Hamas anerkennen? Israel mit der Westbank? Israel mit Ostjerusalem? Israel mit den Schebaa-Farmen im Südlibanon? Israel mit den Siedlungen? Oder vielleicht Israel mit Jordanien? Oder vielleicht Israel mit Ägypten und Libanon und Syrien und Süd-Saudi-Arabien? Ich sage das, weil es eine Menge rabbinischer Autoritäten gibt, die lehren, dass Großisrael laut der Bibel von der Südtürkei bis Zentralägypten und von der Insel Kreta bis zum südlichen Iran reiche. Ein anderer Punkt ist, dass die Hamas kein Staat ist und nur Staaten einander anerkennen können. Letztendlich bleibt Israel ein offenkundig verbrecherischer Staat. Haben verbrecherische Regime ein Existenzrecht? Hatte das Dritte Reich ein Existenzrecht? Hatte das stalinistische Regime, das Millionen, wahrscheinlich Dutzende Millionen Menschenleben ausgelöscht hat, ein Existenzrecht? Wenn Juden oder irgendwer sonst denkt und handelt wie Nazis, werden sie auch zu Nazis. Und meiner Meinung nach haben Nazis kein Existenzrecht, v.a. dann nicht, wenn sie auf ihrer bösartigen Ideologie beharren. Und Israel tut dies offensichtlich!</p>
<p><strong>Andererseits scheint sich auch die Hamas langsam mit den Fakten abzufinden. Anfang des Jahres 2008 erkannte sie „Israels Recht, in Frieden zu leben“ an. 2006 nahm sie an Friedenskonferenz der Arabischen Liga teil, auf der die Anerkennung Israels in Aussicht gestellt wurde. Auch beteuern hohe Hamas-Funktionäre seit Jahren ihre Bereitschaft zu einem dauerhaften Waffenstillstand, sollte Israel sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen. Hat die Hamas sich insgeheim nicht längst mit der Existenz Israels abgefunden?</strong><br />
Die Hamas – so wie der Rest der Welt auch – erkennt die physische Präsenz Israels an. Trotzdem glaubt sie nicht, Israel habe irgendeine moralische Legitimität, da dessen bloße Existenz auf der ethnischen Säuberung des palästinensischen Volkes basiert. Israel ist eine Vergewaltigung seit seinem ersten Tag, ist immer noch eine Vergewaltigung, und wird dies auch immer sein. Nichtsdestotrotz ist die Hamas bereit, mit Israel einen zeitlich unbegrenzten Frieden zu schließen, wenn es sich zu 100 Prozent aus den 1967 besetzten Gebieten inklusive Ostjerusalem zurückzieht und zustimmt, das Flüchtlingsproblem im Sinne der UN-Resolution 194 zu lösen.</p>
<p><strong>Ein weiterer Bestandteil der Hamas-Bewegung ist ihr umfassendes soziales Netz. Während Kritiker es als Instrument bezeichnen, um Menschen religiös zu indoktrinieren und Nachwuchs für die Bewegung zu akquirieren, preisen es andere als elementare für das palästinensischen Bildungs- und Gesundheitssystem. Welche Bedeutung haben diese Einrichtungen für die palästinensische Gesellschaft?</strong><br />
Wohltätig zu sein und den Armen zu helfen sind wesentliche Aspekte des Islam. Prophet Muhammed, Frieden sei auf ihm, sagte: „Es ist kein Gläubiger, der seinen Tag mit vollem Bauch verbringt, während sein Bruder hungrig bleibt.“ Die Hamas hilft den Armen im Kontext dessen und um für Tugendhaftigkeit in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft zu werben. Die Hamas tut dies nicht, um politische Unterstützung zu ernten, wie viele im Westen fälschlicherweise denken. Die Hamas tut es aus rein selbstlosen Gründen. Es ist eine Frage der Religion, nicht der Politik. Letztendlich unterstützen Palästinenser die Hamas eher aus religiösen statt aus politischen Gründen.<br />
<strong><br />
Mit Benjamin Netanjahu und Avigdor Lieberman stehen seit Kurzem zwei politische Hardliner der israelischen Regierung vor, welche die Schaffung eines palästinensischen Staates kategorisch ausschließen. Wie schätzen Sie persönlich die Chancen auf einen Frieden im Nahen Osten ein?</strong><br />
Die Netanjahu-Regierung ist zweifellos die rechteste in der Geschichte Israels. Es ist eine Regierung aus verbrieften Kriegsverbrechern, rassistischen Rowdys und religiösen Fanatikern. Somit ist es recht unwahrscheinlich, dass es mit dieser Regierung irgendwelche Fortschritte in dieser Richtung geben wird. Ich denke, die Zwei-Staaten-Lösung ist tot. Die Chancen für die Errichtung eines lebensfähigen palästinensischen Staates sind nahe null, v.a. aufgrund des krebsartigen Wachsens rein jüdischer Siedlungen. Es gibt in dieser Hinsicht somit nur zwei Alternativen: Entweder einen einheitlichen Staat für alle, in welchem Araber und Juden mit gleichen Rechten leben – oder der offene Konflikt.<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch!</strong></p>
<p><em>für UNIQUE</em><strong><br />
</strong></p>
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		<title>Juli 09: Massentourismus</title>
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