“Ein Staat mit gleichen Rechten für Alle oder der offene Konflikt”
Israelische Soldaten enteigneten seine Familie, Polizisten schlugen ihn fast tot und die Palästinensischen Autonomiebehörde steckte ihn ins Gefängnis. Im Interview spricht der palästinensischen Journalist Khalid Amayreh die Krieg, Besatzung, Widerstand und seine Sicht auf die Hamas.
Soweit sie es einschätzen können, worin sieht die Hamas die Ursache des Nahost-Konfliktes?
Ich kann nicht in Anspruch nehmen, die Hamas zu repräsentieren. Aber ich als normaler Palästinenser glaube, dass die Kernursache für den Konflikt im Nahen Osten das Einpflanzen Israels in Palästina – einem seit dem 7. Jh. arabischen Land – durch den Westen ist. Der Westen hat einfach die Rechte eines Volkes über die eines anderen gesetzt. Faktisch hat dies zur Zerstörung der palästinensischen Gemeinschaft geführt, der Vertreibung und Zerstreuung eines Hauptteils des palästinensischen Volkes in die vier Himmelsrichtungen. Natürlich kamen die europäischen Juden, die unter der Verfolgung europäischer Staaten litten, nicht mit dem Motto „Leben und Leben lassen“ nach Palästina, sondern um die indigene muslimische und christliche Bevölkerung zu verdrängen und zu ersetzen. Sie wollten ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Sie wollten dem Zionismus, einer rassistischen Bewegung im Stile der faschistischen Ideologien Europas nach dem 18. Jahrhundert, gerecht werden. Natürlich war Palästina seit jeher ein bevölkertes Land und die Zionisten wussten dies von Anfang an.
Mit der Bitte um eine ganz konkrete Antwort: Sagen Sie uns – vielleicht in drei Punkten – wie die Hamas den Konflikt im Nahen Osten lösen will?
Allein aus religiösen und moralischen Gründen kann und wird Hamas die moralische Legitimität Israels niemals anerkennen. Letzten Endes wurde Israel auf Kosten des palästinensischen Volkes errichtet. Ohne die ethnischen Säuberungen, die Massaker und die zügellosen Zerstörungen palästinensischer Bevölkerungszentren seit 1948 hätte Israel nicht errichtet werden können. Kurz gesagt: Zionismus, als ein von Natur aus rassistische, segregierende und trennenden Konstrukt muss abgelehnt werden, um Frieden zu erreichen. Aus dieser Sicht glaube ich, dass die Hamas weder eine werte- noch menschenvereinende Bewegung ist.
Hamas kann einen Staat im ganzen Palästina-Israel akzeptieren, wo alle Bürger ungeachtet ihrer Religion und Rasse gleich behandelt werden. Dies wäre die ultimative Lösung des arabisch-israelischen Konfliktes der Hamas. Bevor so ein Staat errichtet werden kann, muss natürlich jedes gestohlene und beschlagnahmte Eigentum, jedes konfiszierte Land an seine rechtmäßigen Bewohner zurückgegeben werden. Flüchtlinge müssen in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Einfach gesagt, die universalen Prinzipien von Gerechtigkeit, Gleichheit und menschlicher Würde müssen Anwendung finden.
Nehmen wir an, es gelänge der Hamas das ganze historische Palästina, also inklusive des Gebietes Israels, unter ihre Gewalt zu bringen. Was würde dies für die Juden in Tel Aviv, Elat usw. bedeuten?
Dies ist eine hypothetische Frage. Natürlich ist die Hamas viel zu schwach, um ein atomares Israel, welches zu einem großen Teil auch noch die amerikanische Regierung kontrolliert, zu besiegen. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass Juden ausgesprochen human behandelt werden würden. So ist der Islam. Hamas hat kein Problem mit Juden als Juden. Wir Palästinenser sind gegen den Zionismus, nicht gegen Juden oder das Judentum. Viele Juden unterstützen die palästinensische Sache und wir bewundern diese gewissenvollen Menschen für ihre moralische Standhaftigkeit.
Nun verweisen aber selbst viele Palästinenser auf die islamistische Ausrichtung der Hamas und befürchten, dass die Hamas einen „Gottesstaat“ ausrufen wird, in dem eben nicht alle Konfessionen gleiche Rechte haben und persönliche Freiheiten eingeschränkt werden.
Solche Ängste sind entweder das Ergebnis von Feindseligkeit gegenüber der Hamas oder das Ergebnis von Ignoranz. Im Allgemeinen erlaubt der Islam keine Diskriminierung von Nicht-Muslimen. Ich glaube ein islamischer Staat ist besser geeignet um wahre soziale und wirtschaftliche Gleichheit zu fördern, als sog. demokratische Staaten. Im Westen sind die Stimmungen, Launen und Empfindungen der Masse der ultimative Schiedsrichter. Im Islam ist es die Sharia. Wenn im Westen die einfache Mehrheit des Parlaments z. B. dafür stimmt, ein bestimmtes Land anzugreifen und zu zerstören, wird das so gemacht – ungeachtet der menschlichen und moralischen Konsequenzen. Als die ehemalige US-Außenministerin Madeline Albright nach den Hunderttausenden Toten infolge der UN-Sanktionen in den 1990ern gefragt wurde, sagt sie einfach und fröhlich: „Wenn es amerikanischen Interessen dient, ist es die Sache wert.“
Kurz gesagt, westliche Demokratien haben kaum eine moralische Decke, da das Volk der Souverän ist und Moralität eine Variable und keine Konstante ist. Im Islam ist das nicht so.
Deshalb denke ich, dass eine wahre islamische Regierung in Palästina oder irgendeinem anderen Land wirklich gleich und respektvoll gegenüber den menschlichen und religiösen Rechten all seiner Bürger wäre. Ich sage das, weil ein islamischer Staat nicht wirklich ein religiöser, theologischer oder engstirniger Staat wäre. Stattdessen ist er ein bürgerlicher Staat mit moralischer Decke. Im Islam werden Bürger als Bürger behandelt, ungeachtet ihrer konfessionellen Zugehörigkeiten.
Die Verfasser der Hamas-Charta sahen dies anscheinend etwas anders. Dort sind Juden Schuld an so ziemlich allen größeren Verbrechen in der jüngeren Geschichte: Sie sind verantwortlich für beide Weltkriege, kontrollieren alle imperialistischen Staaten und natürlich die Vereinten Nationen.
Die Hamas-Charta sollte als religiöses-theologisches Dokument verstanden werden, nicht als politische Plattform. Die Hamas hat dies begriffen und sich immer weiter von der Charta abgewandt. Die Charta ist heute völlig anachronistisch. Seit zehn Jahren habe ich keinen Hamas-Führer auch nur zur Charta Bezug nehmen gehört. Meiner Meinung nach sollte sie als historisches Dokument mit wenig Relevanz behandelt werden. Tatsächlich ist es ratsam, dass ehrliche Leute davon Abstand nehmen, die Charta als etwas von großem Gewicht im politischen Denken der Hamas zu behandeln.
Auf der anderen Seite, wenn Hamas konstant für seine Charta verdammt wird, könnten Hamas und andere Muslime sich auch einfach auf jüdische Dokumente wie „Chresronot Shas“, „ha’Tanya“ und die Ideologien jüdischer politischer Parteien, die offen nach der Vertreibung, Versklavung oder Vernichtung von Nicht-Juden in Israel-Palästina rufen, beschweren.
Trotz allem bleibt ihre Charta die Achillesverse der Hamas. Warum ändert sie sie nicht einfach, so wie sie es 2006 vorhatte?
Ich denke, dass Israel die Charta als Ablenkungsmanöver benutzt, als Entschuldigung, die Besatzung aufrecht zu erhalten. Die PLO hatte eine ähnliche Charta, die sie für ungültig erklärte. Doch anstatt sich den palästinensischen Rechten anzunehmen, reagierte Israel auf die Charta, indem es jüdische Siedlungen erweiterte und palästinensische Städte und Dörfer zu Freiluft-Internierungslagern reduzierte.
2007 beschrieb der deutsche Bischoff Gregor Maria Franz Hanke Ramallah mit den folgenden Worten: „Heute Morgen sahen wir Bilder des Warschauer Ghettos in Yad Vashem und heute Abend gehen wir ins Ghetto Ramallah.“ Wie gesagt, die Charta ist anachronistisch und zu weiten Teilen irrelevant und sollte im Kontext der Gründungsjahre der Hamas und der politischen Zeit ihrer Entstehung verstanden werden. Ich glaube, die Hamas ist mittlerweile sehr viel reifer. Warum sie sie nicht ändern? Sie wollen Israel keine kostenlosen Konzessionen machen, wie es Fatah wenig fruchtlos getan hat.
Können Sie trotzdem verstehen, warum besonders in Deutschland die Hamas nicht das beste Image hat, wenn Leute solche Dinge lesen?
Deutschland taumelt unter dem schweren Erbe des Holocausts. Seine Einstellung gegenüber der Hamas ergeben sich vor allem aus dieser Bürde und nicht aus einer objektiven Beurteilung der Lage in Palästina. Deutschland bevorzugt es, Israel und den Juden in der Welt Gefallen zu tun und zu beschwichtigen, anstatt den moralischen Standards der Deutschen zu folgen, welche auch immer dies sein mögen.
Deshalb kann die deutsche Nah-Ost-Politik als fast völlig unmoralisch und unethisch beschrieben werden. Als Nachfolger des Dritten Reiches muss Deutschland Israel unterstützen – egal, ob richtig oder falsch. Und deutsche Politiker sind politisch und moralisch zu unsicher, um die zionistisch-jüdische Umklammerung der deutschen Politik entgegenzutreten. Genauso verhält es sich beim palästinensisch-israelischen Konflikt.
Nicht nur die deutsche Regierung, sondern auch EU und USA betrachten die Hamas als Terrororganisation.
Wenn die Hamas aus Terroristen besteht, weil sie israelische Zivilisten töten, dann muss das für Israel, welches wissend und vorsätzlich weit mehr palästinensische Zivilisten tötet, tausendmal mehr gelten. Die israelische Besatzung Palästinas ist ein Vergewaltigungsakt und gemäß unseren irdischen und den himmlischen Gesetzen hat ein Vergewaltigungsopfer das Recht, ja die Pflicht, Widerstand zu leisten.
Israel an sich ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Somit ist Widerstand gegen dieses kolossale Verbrechen eine moralische Verpflichtung für alle gewissenvollen Menschen. Aber ja, die Hamas hat Dinge gemacht, die nicht hätten geschehen dürfen. Ich bin völlig dagegen, unschuldige Menschen zu töten. Trotzdem bin ich völlig davon überzeugt, dass Israel letztendlich verantwortlich für alle Opfer dieses Konfliktes ist – Palästinenser wie Israelis.
Die Menschen in Sderot sehen das wahrscheinlich anders.
Ein anglo-amerikanischer Poet (W.H. Auden, Anm. d. Red.) sagte:
I and the public know;
what all school children learn,
those to whom evil is done,
do evil in return.
Also, ja, manchmal sind die Opfer gezwungen, sich falsch zu verhalten. Aber letztendlich ist Israel verantwortlich dafür, dass die Opfer damit anfangen. Es ist die schändliche Militärbesatzung die den Widerstand hervorbringt. Und es ist sehr, sehr schwer die Wirkung zu entfernen, während die Ursache intakt bleibt.
Auf der anderen Seite warfen viele Palästinenser der Hamas während des jüngsten Gaza-Krieges Tatenlosigkeit vor und die eigene Bevölkerung nicht ausreichend zu schützen. Auch in der Westbank ging seit 2003 kaum eine bewaffnete Aktion von der Hamas aus. Wo bleibt der viel gepriesene Widerstand der Hamas gegen die Besatzung?
Bzgl. dessen, dass die Hamas untätig bleibt: Diese Propaganda wird häufig von Fatah verbreitet, mit dem Ziel, Hamas zu diskreditieren und herabzuwürdigen. Nichts desto weniger wird Hamas nicht den wütenden israelischen Bullen allein mit physischer Kraft entgegentreten können. Denn dann würde die Hamas zerschmettert werden. Die Römer sagten: „Könnte der Bulle den Menschen verstehen, würde er nicht mit ihm ringen.“ Tatsächlich ist es so, dass – wenn es eine Konfrontation zwischen einer Atommacht wie Israel und einer kleinen leicht bewaffneten Miliz gibt – die Miliz am Ende des Tages erfolgreich sein wird, wenn sie es schafft zu überleben. Und das hat Hamas geschafft.
Trotzdem scheinen die einzigen militärischen Aktionen, mit denen die Hamas von sich reden macht, willkürliche Raketenangriffe auf israelische Zivilisten zu sein – ohne dass die „palästinensische Sache“ irgendeinen Vorteil daraus zieht. Bietet man so der israelischen Seite nicht erst recht einen Vorwand, sich jeglichen Verhandlungen zu verwehren und militärische Aktionen zu legitimieren?
Hamas mit seiner kleinen Miliz stellt keine strategische Gefahr für Israel dar. Sie auf eine Stufe mit der israelischen Armee zu stellen, ist dumm und unehrlich. Es ist ziemlich genauso, als würde man jüdische Widerstandskämpfer mit der deutschen Wehrmacht, SS und Gestapo im Dritten Reich gleichsetzen.
Die wahllosen Raketenangriffe sollten als verzweifelte Antwort auf die nazihafte Blockade, welche Israel über Gaza verhängt hat, verstanden werden. Die Situation kann wirklich mit der Nazi-Belagerung des Warschauer Ghettos verstanden werden. Letztendlich sprechen wir über eine Bevölkerung aus Gefangenen, welchen Israel versucht, die Luft abzuschneiden und zu demoralisieren, bis sie sich gegen ihre demokratisch gewählte Regierung erheben.
Nebenbei, diese angeblichen Raketen sind überwiegend hausgemachte Projektile mit kaum einer Wirkung. 8000 dieser sog. Raketen töteten 12 Israelis. Vergleichen Sie dies mit einem F16-Bomber-Angriff auf eine Schule in Gaza im Januar, welcher dutzender unschuldiger Menschen ums Leben brachte, und sie werden die enorme Asymmetrie verstehen.
Außerdem hat die Hamas wiederholt gefordert, dass beide Seiten davon absehen, Zivilisten anzugreifen. Doch Israel, welches Tausende palästinensische Zivilisten tötete, hat sich beständig geweigert.
1987 löste der Tod von vier Palästinernsern noch jahrelange Unruhen und landesweite Generalsstreiks – die erste Intifada – aus. Vor drei Monaten tötete die israelische Armee in wenigen Wochen über 1.400 Palästinenser, doch bis auf wenige Demonstrationen blieb die palästinensische Bevölkerung still. Ist die palästinensische Gesellschaft nicht generell widerstandsmüde geworden, müde für ein Ziel zu töten und zu sterben, welches immer unerreichbarer wird?
In der Westbank haben Israel und die Vereinigten Staaten einen palästinensischen Polizeistaat ohne Staat errichtet. Die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) setzen maßlose Gewalt ein um Pro-Hamas-Demos zu verhindern oder zu kontrollieren. Menschen werden verhaftet und misshandelt, weil sie ihre Unterstützung für die Hamas kundtun. Ich selbst wurde für einige Tage verhaftet, lediglich weil ich im Fernsehen sagte, dass die PA keine Proteste in der Westbank erlaubt, um Israel zu beruhigen.
Deshalb spiegelt der Mangel an massiven Protesten gegen Israel und für die Hamas in der Westbank weniger einen Mangel an Unterstützung für die Hamas wieder, sondern ist Ausdruck der Unterdrückung durch die PA. Tatsächlich stieg Hamas’ Beliebtheit in der Westbank nach dem israelischen Blitzkrieg in Gaza dramatisch an. Es ist aber wahr, dass es momentan schwieriger wäre, eine Intifada in der Westbank zu entfachen, da die Protestierenden sowohl den israelischen als auch den palästinensischen Sicherheitskräften entgegentreten müssten.
Sie sprachen die innerpalästinensischen Konflikte gerade an. Manchmal scheint es, als sei momentan nicht Israel sondern die Fatah der größte Feind der Hamas. Es gibt regelmäßige Massenverhaftungen, 2008 sind Abbas’ Sicherheitskräfte massiv gegen Hamas-nahe Wohlfahrtseinrichtungen vorgegangen. Was denken sie über Palästinenser, die sagen, die nächste Initifada müsste sich zuerst gegen Fatah und die PA richten?
Fatah ist nicht monolithisch. Ich denke, bis zu 80% der Fatah-Anhänger sind patriotische Palästinenser, die mehr oder weniger derselben politischen Einstellung wie die Hamas folgen. Trotz allem haben diese Menschen recht wenig zu sagen und Fatah ist nicht demokratisch. Z. B. hat die Fatah es seit 20 Jahren nicht geschafft, ihre sechste Generalversammlung abzuhalten, weil sie Angst haben, dass die korrupte und unpopuläre PLO-Führung abgewählt werden würde.
Das wirkliche Problem besteht aber nicht zwischen Fatah und Hamas. Es ist eher zwischen den amerikanisch-unterstützten und von Israel beschützten Quislingen (norwegischer Faschist, dessen Name aufgrund seiner Anbiederungsversuche gegenüber den Nazis zur Metapher für Kollarobateur und Verräter wurde, Anm. d. Red.) – den palästinensischen Judenräten – einerseits und dem Rest des palästinensischen Volkes auf der anderen Seite.
Neben einigen gewaltsamen Aktionen scheint die Hamas auch immer wieder nach Gesprächspartnern in Kairo, Washington, Brüssel oder Tel Aviv zu suchen, um sich so als legitimen Verhandlungspartner zu profilieren. Anderseits lehnte sie bisher den gesamten israelisch-palästinensischen Verhandlungsprozess von Madrid über Oslo bis Annapolis ab. Macht das die Hamas nicht unglaubwürdig?
Ok, den Dialog und gegenseitiges Verständnis mit anderen anzustreben, ist zuerst eine Verteidigung, nicht eine Anklage der Hamas. Die Hamas kümmert sich sehr um die palästinensische Einheit, meint die Versöhnungsbemühungen mit Fatah ehrlich und nimmt sie sehr ernst. Trotzdem wird und kann die Hamas nicht den Weg Oslos einschlagen, welcher völlig bankrott gegangen ist.
Die PA ist diesen Weg seit 1993 gegangen. Das Ergebnis sind mehr jüdische Siedlungen, ein judaisiertes Ostjerusalem, mehr Apartheid und mehr nazihafte Massaker an palästinensischen Zivilisten, wie wir es erst kürzlich in Gaza sahen.
Trotz aller Bemühungen weigern sich aber Israel und das sog. Nahost-Quartett bis heute, Gespräche mit der Hamas zu führen, u. a. weil diese das Existenzrecht Israels nicht anerkennt. Was hält die Hamas davon ab?
Das Konzept eines staatlichen Existenzrechtes besteht im Völkerrecht nicht. Staaten existieren – das ist alles. Erkennt Deutschland z. B. das Existenzrecht Myanmars an? Ist solch eine Klausel irgendwo niedergeschrieben? Darüber hinaus, warum sollte die Hamas Israel anerkennen, wenn Israel nicht das Recht eines palästinensischen Staates anerkennt? Würde Deutschland einen Staat anerkennen, der Deutschland nicht anerkennt?
Abgesehen davon, welches Israel würde die Hamas anerkennen? Israel mit der Westbank? Israel mit Ostjerusalem? Israel mit den Shaba-Farmen im Südlibanon? Israel mit den Siedlungen? Oder vielleicht Israel mit Jordanien oder Ägypten und Libanon und Syrien und Süd-Saudi-Arabien? Ich sage das, weil es eine Menge rabbinischer Autoritäten gibt, die lehren, dass laut der Bibel Großisrael von der Südtürkei bis Zentralägypten reicht und von der Insel Kreta bis zum südlichen Iran. Ein anderer Punkt ist, dass die Hamas kein Staat ist und nur Staaten einander anerkennen können.
Letztendlich bleibt Israel ein offenkundig verbrecherischer Staat. Haben also verbrecherische Regime ein Existenzrecht? Hatte das dritte Reich ein Existenzrecht? Hatte das stalinistische Regime, welches Millionen, wahrscheinlich dutzende Millionen Menschenleben ausgelöscht hatte, ein Existenzrecht? Wenn Juden oder irgendwer sonst denkt und handelt wie Nazis, werden sie auch Nazis. Und meiner Meinung nach haben Nazis kein Existenzrecht, vor allem wenn sie auf ihrer bösartigen Ideologie beharren – und Israel tut dies offensichtlich.
Auf der anderen Seite erkannte die Hamas Anfang 2008 „Israels Recht in Frieden zu leben“ an, sie war anwesend während der Friedenskonferenz der Arabischen Liga von 2006, bei der die Anerkennung Israels in Aussicht gestellt wurde. Auch hohe Hamas-Funktionäre beteuern seit Jahren ihre Bereitschaft zu einem dauerhaften Waffenstillstand, sollte Israel sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückziehen. Hat die Hamas sich nicht insgeheim längst mit der Existenz Israels abgefunden?
Hamas – so wie der Rest der Welt auch – erkennt die physische Präsenz Israels an. Trotzdem glauben sie nicht, dass Israel irgendeine moralische Legitimität hat, da Israels bloße Existenz auf der ethnischen Säuberung des palästinensischen Volkes basiert. Israel ist eine Vergewaltigung seit seinem ersten Tag, ist immer noch eine Vergewaltigung und wird dies auch immer sein.
Nichtsdestoweniger ist die Hamas bereit, einen zeitlich unbegrenzten Frieden mit Israel zu schließen, wenn es sich zu 100% aus den 1967 besetzten Gebieten zurückzieht, inklusive Ostjerusalem und zustimmt, die Not der Flüchtlinge im Sinne der UN-Resolution 194 zu lösen.
Ein weiterer Bestandteil der Bewegung Hamas ist ihr umfassendes soziales Netz. Während Kritiker es als Instrument, um Menschen religiös zu indoktrinieren und Nachwuchs für die Bewegung zu akquirieren bezeichnen, preisen es Andere als elementar für das palästinensische Bildungs- und Gesundheitssystem. Was bedeuten diese Einrichtungen für die palästinensische Gesellschaft?
Wohltätig zu sein und den Armen zu helfen ist ein wesentlicher Aspekt des Islam. Prophet Muhammed, Friede sei mit ihm, sagte: „Es ist kein Gläubiger, der seinen Tag mit vollem Bauch verbringt, während sein Bruder hungrig bleibt.“ Die Hamas hilft den Armen im Kontext dessen, für Tugendhaftigkeit in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft zu werben. Die Hamas tut dies nicht, um politische Unterstützung zu ernten, wie viele im Westen fälschlicherweise denken. Die Hamas tut es aus rein selbstlosen Gründen. Es ist eine Frage der Religion, nicht der Politik. Letztendlich unterstützen Palästinenser die Hamas eher aus religiösen, statt aus politischen Gründen.
Mit Netanjahu und Lieberman stellen zwei der größten israelischen Hardliner die israelische Regierung, die kategorisch die Schaffung eines palästinensischen Staates ausschließt. Was glauben Sie persönlich über die Chance auf einen Frieden im Nahen Osten?
Die Netanjahu-Regierung ist zweifellos die rechteste Regierung in der Geschichte Israels. Es ist eine Regierung aus verbrieften Kriegsverbrechern, rassistischen Rowdys und religiösen Fanatikern. Somit ist es recht unwahrscheinlich, dass es mit dieser Regierung irgendwelche Fortschritte in diese Richtung geben wird. Ich denke, die Zwei-Staaten-Lösung ist tot. Die Chancen für die Errichtung eines lebensfähigen palästinensischen Staates sind nahe null, vor allem aufgrund des krebsartigen Wachsens rein-jüdischer Siedlungen. Es gibt somit nur zwei Alternativen in dieser Hinsicht: Entweder einen einheitlichen Staat für alle, in welchem Araber und Juden mit gleichen Rechten leben – ein Fluch für den Zionismus – oder der offene Konflikt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Khalid Amayreh wurde 1957 in Hebron geboren. Weil israelische Truppen seine Familie 1948 enteignet und ihre Wohnhäuser abgerissen hatten, lebte er mit ihr – wie viele andere Familien – jahrelang in Zelten und Höhlen in den Hügeln südlich von Hebron. Mit 14 arbeitete er in Israel als Bauarbeiter und lernte dort Hebräisch. Nachdem er 1974 während einer Demonstration gegen die israelische Besatzung von Soldaten fast totgeschlagen worden wäre, emigrierte er zwei Jahre später in die USA, studierte dort Journalismus und kehrte 1983 nach Palästina zurück. Dort begann er seine journalistische Karriere. Als Korrespondent und freischaffender Journalist arbeitete er u.a. für die staatliche iranische Nachrichtenagentur „IRNA“, die Kairoer Wochenzeitung „Al-Ahram“, die „Palestinian Times“ und „Al-Jazeera“ und schreibt heute für das Hamas-nahe „Palestinian Information Center“. Aufgrund seiner offenen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und der Politik der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) steht er seit den Anfangsjahren seiner Karriere unter Beobachtung des israelischen Geheimdienstes, wurde mehrmals inhaftiert und stand jahrelang unter Hausarrest. Aufsehen erregte zuletzt seine Verhaftung im Januar 2009, nachdem er der PA in einem Fernsehinterview vorgeworfen hatte, Demonstrationen in der Westbank aus Verpflichtung gegenüber Israel zu verbieten und die PA als „Dienerin Israels“ bezeichnet hatte. Erst nach massiven medialen Protesten wurde er wieder freigelassen. Amayreh lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Dura und schreibt an seinem vierten Buch „Leben unter der israelischen Besatzung“.



Die armen Menschen in Ägypten. Warum können solche Machtübergänge nicht friedlich passieren. Bei den gewaltsamen landesweiten Protesten gegen die Regierung in Ägypten sind am Freitag nach Informationen des Gesundheitsministeriums 38 Menschen getötet worden. Wie Vertreter des Ministeriums am Samstag in Kairo mitteilten, kamen jeweils zwölf Menschen in der Hauptstadt sowie in der Stadt Suez ums Leben. Rund 1900 Menschen seien verletzt worden, unter ihnen 500 Polizisten. Seit Beginn der Proteste am Dienstag hat es somit fast 50 Todesopfer und 2500 Verletzte gegeben. Die Menschen tun mir richtig leid.