Am 11.Juli demonstrierten in Gera 700 Menschen gegen die NPD-Rechtsrockveranstaltung „Rock für Deutschland.“ Doch statt von demokratischem Engagement zeugte die Veranstaltung vor allem vom harmonischen Selbstbetrug einer Bevölkerung für die Antifaschismus nicht mehr als austauschbares Ritual ist.
Wie jedes Jahr veranstaltet die NPD ihr Mischung aus Wahlkampfveranstaltung und Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“ in der Stadt an der weißen Elster: Udo Voigt und Frank Schwerdt hetzen wie immer von Überfremdung, Kapitalismus und Arbeitlosigkeit, während an den zu knapp bemessenen Getränkeständen Coca Cola und Sprite augeschenkt wird. Martialisch klingende Bands wie „Blitzkrieg“ und „Frontalkraft“ tönen aus den schwächelnden Boxen, während die Massen entweder auf die lebende Rechtsrock-Legende und ehemaligen Landser-Sänger Michael Regner alias „Lunikoff“, oder immer noch auf Einlass an den verstopften Eingängen wartet. 4000 Nazis, so wird der Polizeibericht später bekannt geben, trafen sich an diesem Tag auf der Geraer Spielwiese. Nach Angaben der NPD sollen es sogar 5700 gewesen sein, die den 15 Euro hohen Eintritt bezahlten. Damit war es die größte Nazi-Veranstaltung der thüringischen Nachkriegsgeschichte.
Wenige hundert Meter entfernt haben sich die Gegendemonstranten zusammengefunden, die wie Bürgermeister Norbert Hein in die zahlreichen Kameras spricht vor allem eines machen wollen:„Flagge zeigen gegen Rechts.“ Nicht viele sind es, die an diesem Tag dem Banner mit dem Slogan „Gera – bunt, tolerant und weltoffen“ hinterherlaufen. 700 Menschen gerade einmal – und das auch dies die größte Anti-Nazi-Demo der vergangenen Jahre ist, spricht eher gegen als für die Stadt.

Die verschwindend geringe Minderheit der Geraer Bürger, die die Nazi-Veranstaltung überhaupt wahrnimmt, scheint sich damit abgefunden zu haben, wissend, dass gegen Abend wieder die gute alte Geraer Ruhe zwischen Arbeitlosigkeit, Überalterung und Abwanderung einzieht. Dass hier irgendetwas passiert, erzählt ein Anwohner, habe er eigentlich nur durch die vielen Polizisten die überall herumlaufen gemerkt. Die ostthüringer Stadt, die Stolz Otto Dix’ im Namen trägt und sich einst zumindest des ersten Hertie-Kaufhauses und des Uranabbaus rühmte, steht heute austauschbar in einer Reihe von einstigen Ost-Metropolen, in denen dem wirtschaftlichen, der kulturelle, politische und moralische Niedergang folgte.
Doch selbst für jene Geraer und Angereisten, die auf die Straße gehen, scheint der Kampf gegen Rechts nicht viel mehr als wochenendliches Ausflugsprogramm oder erzwungene Verpflichtung gegenüber dem eigenen politischen Renommee zu sein. Zu ritualisiert und austauschbar wirken die Aneinanderreihungen von Friedensgebet, Demonstrationszug, floskelhaften Standardreden, Trommelcombo und empörten Rangeleien mit der Polizei, als dass sie irgendeine Wirkung entfalten könnten.
Während sich schon gegen 12 Uhr rund 2000 Nazis auf dem Konzertgelände tummeln werden „Bunt“, „Vielfalt“ und „Gesicht zeigen“ zu den deplazierten Schlagworten des Tages. Umso sinnentleerter werden sie, desto öfter sie eigens abkommandierte Verwaltungsbeamte auf eilig gedruckten Bannern vor sich her tragen. Vom „deutlichen Zeichen“ floskeln Gewerkschaftsvertreter, Bürgermeister und Kommunalabgeordnete in jedes parat stehende Mikrofon, fordern eine schnelles NPD-Verbot (DGB) oder erklären selbiges wie so oft für sinnlos (CDU).
Die kommunale Grünen-Spitzenkandidatin ruft den „breiten Protest“ aus, der zeigen soll „dass Nazis in Thüringen bei dieser Landtagswahl keine Chance haben.“ Die Bezugnahme zu Thüringen sollte da wohl nur kaschieren, dass sie in Gera keine Chance mehr brauchen, denn dort sitzen längst Abgeordnete der NPD im Stadtrat. Kein Wort davon, dass die NPD seit nunmehr sieben Jahren mit ihrem „Rock für Deutschland“ weitgehend unbehelligt ihre politisch-subkulturelle Vormachtstellung in der Stadt ausbaut. Kein Wort von den beschämenden Gegenveranstaltungen in den vergangenen Jahren, in denen die Teilnehmerzahl zwischen 40 und 200 schwankte. Stattdessen verkrampfte Selbstbeweihräucherungen und verlogenes gegenseitiges Schulterklopfen.
Ein Vertreter des „Aktionsnetzwerkes gegen Rechts“ aus der 40 Kilometer entfernten Nachbarstadt Jena lobt, dass eigens 50 Jenaer angereist seien um die Geraer zu unterstützen. Auf der Spielwiese feiern derweil „Gastnazis“ aus den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Italien und Belgien. Ein paar russische „Kameraden“ hätten extra eine zwei Tage dauernde Bustour unternommen, freut man sich. Und selbst die obligatorische Sitzblockade verkommt an diesem Tag zum unmotivierten und damit unnötigen Standardrepertoire. Auf einer der Zugangsbrücken zur Nazi-Veranstaltung lassen sich kurzzeitig 200 Menschen nieder, nur um wenig später ohne Zutun der Polizei und ohne auch nur einem Nazi den Zugang zum Gelände verwehrt zu haben, wieder aufzustehen.
Während „Lunikoff“ noch vom „weißen Fleck im Multikulti-Rumgewühle“ grölt löst sich die stark dezimierte Gegendemo eine Stunde vor dem Ende der Nazi-Veranstaltung wieder auf. Die Veranstalter der Proteste preisen die erfolgreiche Demonstration, die mal wieder bewiesen habe, dass Gera bunt, tolerant und weltoffen sei. Die Polizei lobt den „weitgehend friedlichen Verlauf“ der Demo und selbst Vertreter der Antifa rühmen sich, erfolgreich Formen zivilen Ungehorsams in Gera etabliert zu haben. Die Lokalpresse wird sich am nächsten Tag mit Slogans wie „Bunter Protest gegen braune Veranstaltung – Gera zeigt Gesicht“ (Thüringer Landeszeitung) oder „Geraer setzen Zeichen“ (MDR) schmücken und von „entschlossenen Demokraten“ und „zivilgesellschaftlichem Engagement“ schwärmen. „Toller Veranstaltungsort mit schattigen Plätzchen“ und „schön, dass keine Gegendemonstranten zu sehen waren“ resümmiert unterdessen einer der Nazis am Ende des Tages.
„Alle waren Sieger, auch wenn einer nur gewinnen kann“ besang Mini-Playback-Show Moderatorin Mariijke Amado einst das Phänomen der harmonischen Einigkeit widerstreitender Akteure, die aus Angst, sich dem eigenen Versagen stellen zu müssen, sich präventiv jeglicher Selbstkritik verwehren. Der 11. Juli in Gera war ein Tag des Versagens an dem noch deutlicher als in den Jahren zuvor die NPD als Siegerin von der Bühne ging.
Versagt haben Demonstranten, deren antifaschistisches Selbstverständnis sich nach Zeit- und Programmplänen und nicht nach der (Nazi-)Realität vor Ort richtet. Versagt haben Journalisten, die sich selbst nicht als kritische Begleiter sondern als PR-Agentur verstehen. Versagt haben Veranstalter, die sich weigern zu fragen, warum es ihnen wieder nicht gelungen ist eine ausreichend Masse zu mobilisieren. Versagt haben Politiker, deren individuelles demokratisches Engagement sich selten in mehr niederschlägt, als in Wahlkampfkalender und sinnentleerte Standardreden gepresste Pflichtübungen. Und versagt hat die große Masse der Bürger der Stadt, deren Lethargie, eigentlich nur einen Slogan für diesen Tag rechtfertigt: „Gera – harmonisch, apathisch, braun“.
für Zeit-Stoerungsmelder
Tags:Demonstration, Gera, Nazis, Rechtsrock, Rock für Deutschland











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